Ein neuer Saulus findet zur Kirche
Quelle: Der Apostel von Zaire – Leben und Vermächtnis des gesegneten Vaters Kosmas von Grigoriou¹
Die Liebe Gottes ist erfinderisch in der Art und Weise, in der sie die Seelen der Menschen mit der erlösenden Gnade besucht. Sie kennt keine Entfernungen und hat auch keine Vorlieben im Hinblick auf Hautfarbe, Stamm, Volk, Beruf oder Stellung in der Welt. Die Liebe, die durch unseren Retter Jesus Christus Fleisch angenommen hat, will das gesamte Menschengeschlecht umarmen, doch unsere Selbstliebe und unser Individualismus hindern sie daran. Dort aber, wo sie auf ernsthafte Bemühung um die Rettung trifft und wo sie erhobene Hände und gebeugte Knie vorfindet, verlässt sie die Himmel und steigt herab. Die Liebe des Vaters wird dazu bewegt, ihre Absicht auf ihre eigene Weise, die uns nicht bekannt ist, zu verwirklichen.
Hört nun, Brüder, eine Geschichte aus dem Gebiet der Mission.
Nicht einmal Paulus, der Apostel der Völker, glaubte, dass er auf seinem Weg nach Damaskus dem Herrn begegnen würde, den er verfolgte. Noch hat der Heilige Cyprian erwartet, dass er bei seinen Versuchen, den Glauben und die Klugheit einer jungen Frau namens Justina zu besiegen, dem lebendigen Gott begegnen würde. Nur wenn man diese und andere Beispiele aus unserer Kirchengeschichte mit einbezieht, verursacht die vorliegende Erzählung, die sich in die lange Reihe der wunderbaren Liebe Gottes zu den Menschen einfügt, kein Erstaunen. Ich gebe sie genauso wieder, wie ich sie von dem neuen Saulus selbst, dem Einheimischen Tamboue, gehört habe.
Eines Morgens im Januar 1991 betrat der einheimische Priester Jakobus (gr. Iakovos) den Hof der Missionsstation in Begleitung des jungen Kongolesen Tamboue. Sie begrüßten mich herzlich und Vater Jakobus sprach zu mir, während der junge Mann zuhörte: „Er möchte orthodox werden. Ich überlasse ihn dir, damit du ihm sagst, was du denkst“. Anstatt ihn mit Fragen zu überhäufen, fragte ich den Mann nach seiner Lebensgeschichte und nach dem, was ihn hierhergebracht hatte. Er war ein schlanker, ernst aussehender und selbstbeherrschter junger Mann, sicher nicht älter als 30.
„Ich wurde in Lubumbashi geboren“, erzählte er, „und bin der einzige Sohn frommer Eltern, dem Bekenntnis nach Katholiken. Ich folgte der Kirche und den Ratschlägen meiner Eltern in Bezug auf Gott und das Seelenheil seit meiner frühen Kindheit. Als ich um die 20 Jahre alt war, wurde ich von den Predigten der Pfingstler „im heiligen Geist und gemäß der heiligen Schrift“ beeinflusst und trat ihrer Gemeinschaft bei. Ich liebte es, die Heilige Schrift zu erforschen und übte mich hierin mit ungeheurem Eifer. Ich glaubte, die wahre Kirche gefunden zu haben und dachte, ich müsse mich darum bemühen, anderen auf dem schwierigen Pfad der Rettung zu helfen. Meine Vorgesetzten äußerten ihre Zufriedenheit mit meinem Eifer für das Studium und die kirchliche Arbeit und ernannten mich rasch zum Pastor einer Gemeinde.
Kurz darauf erwartete mich ein noch größerer Schritt. Man übertrug mir das Amt eines Lehrers und Predigers für ein sehr großes Gebiet, das ganz Lubumbashi und seine Umgebung umfasste. Ich widmete mich der Predigt von Gottes Wort und tat dies nicht nur eifrig, sondern fanatisch. Ich glaubte, dadurch begünstigt zu sein, dass ich über anderen stand und sie mit meinen Auslegungen der Schrift führen konnte, wohin ich wollte. Ich verbrachte zwei Jahre damit, Gemeinden zu besuchen und andere Pastoren mit meinen feurigen Predigten zu führen. Nie habe ich gezögert, mit hochrangigen Personen zu sprechen und habe auch den Gouverneur von Lubumbashi vom Papismus zur Pfingstbewegung bekehrt.
Als ich eines Tages gerade das Neue Testament las, fiel mir auf, dass wir einige Aufgaben, Lehren und Botschaften, die Christus seinen Jüngern gegeben hatte, nicht beachteten. Zum Beispiel gab er den Aposteln und ihren Nachfolgern die Macht, Sünden zu binden und zu lösen (Jo 20,22-23). Brot und Wein gab er uns, um an seinem Leib und Blut Anteil zu haben für das ewige Leben. Er befahl ihnen, die Anhänger der neuen Religion zu taufen, etc. All das verursachte viele Fragen in meinem Herzen, da meine Predigten diese Befehle und Versprechen des Herrn nicht berücksichtigten. Es wurde mir immer unangenehmer und ich begann, mich zu fragen: „Vielleicht irrt der Glaube, dem ich anhänge und ich beschreite den Weg der Verblendung“. Ich entschloss mich, nicht mehr zu predigen und mich zurückzuziehen, ohne irgendjemandem etwas zu sagen, bis ich fähig sein würde, diese Fragen, die mich bis zur Schlaflosigkeit plagten, zu beantworten.
Ich ging nach Kolwezi, mietete eine Strohhütte und betrieb ein wenig Handel, gerade ausreichend für meinen täglichen Lebensunterhalt. Ich hörte auf, eine Kirche zu besuchen, obwohl es in meiner Nachbarschaft über dreißig verschiedene Kirchen gab. Doch habe ich so gebetet: „Mein Gott, ich weiß, dass du eine wahre Kirche auf Erden hinterlassen hast. Die Pfingstler und andere haben mir gesagt, dass es die frühe Kirche nicht mehr gibt. Doch wie kann man dann deine Worte verstehen: Die Pforten der Unterwelt werden sie nicht überwältigen (Mt 16,18). Folglich existiert deine Kirche, und sie ist Eine. Erleuchte mich, damit ich sie erkennen und ihr folgen kann“.
Tag und Nacht ließ ich nicht davon ab, dieses eine Werk zu vollbringen: Das Gebet zu Gott, mir seine Kirche zu offenbaren. Zwei Jahre verstrichen, ohne eine Antwort oder Bestätigung irgendeiner Art zu erhalten. Gedanken des Unglaubens umkreisten mich. Doch Gott sah in seiner großen Barmherzigkeit auf meine Verzweiflung herab und zögerte nicht, mir das zu offenbaren, was ich ersehnte.
Eines Nachts sah ich im Schlaf eine Person, die mir unbekannt und in Schwarz gekleidet war. Es war ein Europäer, der einen schwarzen Talar trug und einen langen, weißen Bart hatte. Sein Angesicht war friedfertig und liebevoll und seine Augen waren voll von Liebe und Mitleid. Er trat an mich heran und sprach auf Swahili zu mir. Ich fragte mich: Wie kann es sein, dass ein alter, europäischer Mann Swahili spricht? Er sprach Wort für Wort Folgendes zu mir: „Ich bin der heilige Nikolaus. Wenn du gerettet werden möchtest, dann folge meiner Kirche“. Danach segnete er mich und verschwand sogleich.
Ich stand erstaunt auf und fragte mich, wer dieser weiße Priester war, der Swahili sprach und welche Kirche die seine war. Wer wäre in der Lage, mich zu dieser Kirche zu führen? Ich ging hinaus und begann Passanten zu fragen, welcher Kirche der heilige Nikolaus angehörte. Nach einigen Tagen erfolgloser Nachforschung sandte Gott mir seinen Boten: Eine christlich-orthodoxe Frau von der Gemeinde des heiligen Georg in Kolwezi hatte von meinen Erkundungen erfahren und war überaus froh, mir Antworten auf meine Fragen zu geben. Sie brachte mich zu Vater Jakobus, der dort lebt, und Vater Jakobus brachte mich heute hier zur Missionsstation.
So verlief der verschlungene Weg, auf dem dieser junge Mann. Frieden fand, im Schoß der wahren Kirche, die unser aller Mutter ist. „Wie groß ist unser Gott!“
Der junge Mann hat den Katechumenenunterricht mit Demut und Hingabe bis zum Tag seiner Taufe besucht. Er liest orthodoxe Bücher mit heiligem Eifer und hat mir erzählt, dass er bereit ist, der Kirche in Zukunft als Priester zu dienen, wenn dies der Wille Gottes ist. Zu den Pastoren und Lehrern unter den Pfingstlern von früher pflegt er ein freundliches, wenn auch angespanntes Verhältnis. Er schafft dort ernsthafte Zweifel über das Vorhandensein von Wahrheit in ihrer Gemeinschaft. Er vertraut ihnen das wundersame Geschehen seines plötzlichen Wandels und Eintritts in die Orthodoxie an. Auf diese Weise hat ein Licht Christi angefangen, in der geistlichen Dunkelheit des afrikanischen Dschungels zu leuchten.
Einen Monat nach unserem Treffen kam der junge Mann, um mich erneut zu sehen und um mir davon zu erzählen, wie er auf seinem neuen Lebensweg voranschreitet. Hier ist ein weiteres Ereignis, das er mir beschrieben hat: „Eines Abends, während ich den Jakobusbrief las, fühlte ich plötzlich eine leichte, frische Brise mich umwehen. Sie ging in mich ein und erfüllte mein ganzes Wesen mit Freude und geistlicher Stille. Es war das erste Mal, dass ich überhaupt solche heiligen Gefühle verspürt habe. Gleichzeitig konnte ich eine Stimme vernehmen: „Lass ab von all den Häresien und folge unverzüglich der Orthodoxen Kirche“. Vater, ich habe keinen Zweifel, dass ich nun der wahren, alten Kirche Christi angehöre. Ich danke Gott dafür, dass die Orthodoxe Kirche hier in unserer Stadt gegenwärtig ist, uns so nahe. Ich danke Ihnen – den Aposteln des Herrn – dafür, dass ihr in unser Land gekommen seid. Beten Sie für mich, dass ich euch folge zur Ehre unseres Christus“. Er wurde auf den Namen Nikolaus getauft, lebt gegenwärtig in Lubumbashi und arbeitet dort für Gott im Schoß seiner Kirche.
¹Englischsprachige Originalausgabe: Apostle to Zaire – The Life and Legacy of Blessed Father Cosmas of Grigoriou
