Mission

Vom Buddhismus zum Christentum

Nilus Stryker: Durch das östliche Tor – das Licht, das meinen Namen kannte*

Ich war zehn Jahre lang Buddhist gewesen. Nachdem ich sieben Jahre lang bei meinem Lehrer in einem kleinen Familienzweig der Nyingma-Ordinationslinie des Vajrayana den (tibetanischen) Buddhismus studiert hatte, wurde ich ordiniert. Ich hatte einen spirituellen Meister in jenem Zweig, den ich liebte und immer noch liebe. Er war und ist nach wie vor in meinem Leben ein Beispiel an Güte. Durch seinen Unterricht geschah es, daß ich die Welt mit einem erweiterten Blick und einem offenen Herzen betrachtete. Ich wurde als ein Ngakpa in der Nyingma-Ordinationslinie ordiniert. Eine Ngakpa-Weihe ist eine tantrische priesterliche Ordination. Obwohl Gelübde (damtsig) abgelegt werden, basieren diese Gelübde nicht auf dem Zölibat oder dem Verzicht auf Fleisch und Alkohol. Unsere sangha (Gemeinschaft der Praktizierenden) war nicht auf Verzicht ausgerichtet, sondern folgte den grundlegenden Weisungen in tantra und dzogchen1; beide basieren mehr auf Umwandlung als auf Entsagung und auf plötzlichen Momenten der Einsicht, die in Dauer und Intensität schwanken und zu rigpa führen (einem Zustand des Geistes und der Wahrnehmung, der darauf beruht, daß man durch Entspannung in den natürlichen Zustand der Erleuchtung gelangt). Diese Momente wurden ausgelöst durch den energetischen Eingriff unseres Lehrers oder durch unsere Fähigkeit, in das Gewebe und die Struktur unserer Erfahrung von Sein und Nichtsein hinein zu „entspannen“ – eine Erfahrung, die durch die Praktiken, die uns gelehrt wurden, hervorgerufen wurde. Im Lauf der Jahre schienen sich diese Momente darin zu manifestieren, daß man die Welt mehr und mehr mit Güte, Dankbarkeit und Mitgefühl sah. Mein Lehrer pflegte zu sagen, der Buddhismus sei neunundneunzig Prozent Methode und ein Prozent Wahrheit. Die Praktiken des Buddhismus werden angewandt, um eine Klarheit und Bewußtheit zu erreichen, die den Menschen dazu befähigen, eine Realität zu erkennen, die nicht durch einen neurotischen Verstand und neurotische Reaktionsmuster verzerrt ist.

Wir waren eine nichtliturgische Ordinationslinie und hatten als Kern unserer Praxis stille Sitzungen, Yoga-Gesänge, Mantra und bestimmte Reihen von psycho-spirituellen, körperlichen Übungen. Ich unternahm eine Pilgerreise zu heiligen Stätten in Nepal und nahm mit meinem Lehrer und Vajra-Brüdern und -Schwestern an Retreats in den Vereinigten Staaten und in Wales teil. Diese Retreats, sowohl die gemeinsschaftlichen als auch die individuellen, waren in meinem Leben sehr bedeutsam. Und ich kann mit Bestimmtheit sagen, daß ich einige „Öffnungen“ des Blicks hatte, Erweiterung der Perspektive und Erfahrung, die ich meinem Lehrer und den Praktiken, die uns gegeben wurden, zuschreibe.

An einem Nachmittag im späten Januar 1999 ging in zu meinem Altar, um meine reguläre täglichen Praxis durchzuführen. Gewöhnlich begann ich mit Yoga-Gesängen und Mantra, und dann saß ich schweigend. Ich entzündete die Kerzen auf meinem Altar, und nachdem ich meinen Gesang und die Mantren beendet hatte, begann ich meine stille Übung. Ich kann nicht genau sagen, wie lange ich dort saß, als ich meine Stimme mit meinen eigenen Worten sagen hörte: „Ich vermisse Jesus.“ Ich sagte dies laut. Es schien, als käme es eher durch mich, als daß ich es sagen würde, doch es gab keine äußeren Stimmen. Ganz klar – ich sagte es.

Als ich sagte: „Ich vermisse Jesus“, wurde ich von Sehnsucht erfüllt. Ich weiß nicht, wie ich es sonst nennen könnte. Ich empfand Schmerz. Es schmerzte in meinem Inneren. Ich fühlte dieses absolute Sehnen, und ich konnte es nicht glauben. Ich versuchte, meine Aufmerksamkeit und mein Bewußtsein neu zu ordnen, um meine Meditation fortzusetzen. Oft erfährt man in Meditationen außerordentliche Wahrnehmungen, Gerüche, visuelle Täuschungen, vielleicht Klänge – psycho-spirituelle Anomalien, die einen aus der Bahn werfen und vom Kommen und Gehen der Gedanken ablenken, die man, wie man trainiert wird, aufsteigen und fallen lassen soll, ohne sich daran zu heften.

Gedanken kommen und gehen, doch die Methode, die ich anwandte, zielte darauf hin, sich an keine Gedanken anzuheften, so daß man vermied, einem Gedanken in ein inneres Gespärch oder in eine Geschichte zu folgen. So versuchte ich, diese Erfahrung als ein nyam (Meditationserfahrung) zu sehen und ihr nicht allzu viel Beachtung zu schenken. Ich konnte mich aber nicht neu ordnen oder entspannen, so stand ich auf. Ich dachte, nun, das ist frühkindliches Zeug, das ich in meine Meditation projiziere. Es ist Mama-Papa-Zeug über Liebe, die ich gewollt hatte, aber nicht bekam, und es geht dabei um mein frühes Kindheits-Christentum. Meine Eltern waren nominelle Christen, und ich war hauptsächlich deshalb als Presbyterier aufgewachsen, weil dies die Kirche war, die sich in der Nähe unseres Hauses befand. Meine Eltern waren gewiß keine Bibel-Enthusiasten.

Ich beendete meine Übungssitzung und ging in die Küche; dort begann ich abzuwaschen. Ich machte meine Hausarbeit und dachte nicht sehr über das Erlebnis nach, abgesehen davon, daß weiterhin jene Sehnsucht zu spüren war, die sich nicht zu verflüchtigen schien. Ich konnte sie offenbar nicht von mir abschütteln, ganz gleich, wie sehr ich es versuchte. Es gab dieses furchtbare Sehnen in mir, das ich nicht ignorieren oder erklären konnte. Gegenüber meiner Frau erwähnte ich es nicht, doch ich konnte nicht aufhören, darüber nachzudenken, oder Erleichterung von diesem Schmerz, dieser Wunde, zu finden. Wir hatten einen gewöhnlichen Abend, schauten ein Zeitlang Fernsehen, unterhielten uns, und dann ging ich in mein Studio, um zu malen. Ich bin Künstler und mein Studio ist an unser Cottage angebaut, und dort schlafe ich auch in den meisten Nächten, wenn ich spät abends zu malen beginne. Nach ein paar unruhigen Versuchen, an einer Leinwand zu arbeiten, die ich begonnen hatte, ging ich schlafen.

In dieser Nacht, um drei Uhr morgens, erwachte ich von einer „Anwesenheit“ in meinem Zimmer. Es war ein Sehnen. Ich weiß nicht, wie ich es sonst nennen kann. Ich fühlte eine „Anwesenheit des Sehnens“ im Zimmer. Ich geriet in Sorge, ob jemand in das Haus eingebrochen sei. Ich stieg aus dem Bett und überprüfte alle Räume. Es war niemand außer meiner Frau im Haus, und sie schlief weiterhin fest. Da ich wach war, entschied ich mich, ein paar Übungen zu machen, und ging zum Altar in meinem Studio. Ich meditierte zwischen dreißig bis fünfundvierzig Minuten und schlief dann weiter. Am folgenden Morgen vergewisserte ich mich, daß alle Türen abgeschlossen waren und schaute mich etwas unbehaglich im Haus um, um zu sehen, ob ich etwas finden konnte, das diese „Anwesenheit“ erklären würde. Wir haben keine Haustiere, und ich fragTe Diane, ob sie aus irgendeinem Grund in der Nacht aufgestanden sei. Sie hatte fest geschlafen und fragte, ob irgend etwas nicht in Ordnung sei. Ich sagte ihr, ich sei aufgestanden und hätte eine Weile nicht mehr schlafen können. Ich zögerte, ihr etwas über meine Wahrnehmung einer „Anwesenheit“ zu sagen, weil ich sie nicht beunruhigen wollte; ich wollte nicht, daß sie dachte, ich sei verrückt.

In der folgenden Nacht wurde ich wieder wach „gerufen“. Ich kann nicht genau sagen, was sonst ich spürte, außer daß diese „Anwesenheit“ im Raum war. Keine Lichter, keine Halluzinationen, keine Klänge, keine Fanfare, doch ein höchst gewisses Empfinden, daß ich von einer „Anwesenheit“ geweckt worden war. Ich kann nur sagen, daß es eine „Anwesenheit des Sehnens“ war. Ich empfand innerlich Schmerz, eine Wunde, und sehnte mich nach etwas, das ich nicht erklären konnte. Ich fühlte mich eine Million Meilen weit entfernt von zu Hause.

Es sollte gesagt werden, daß mein Leben ziemlich glücklich war. Meine Frau – seit fünfundzwanzig Jahren – und ich liebten einander. Wir waren beide Künstler und machten in diesem Bereich ein gutes Geschäft. Wir hatten ein kleines Landhaus und einen Garten in einer kleinen Küstenstadt nahe San Francisco; dies liebten wir. Ich hatte einen wunderbaren spirituellen Lehrer, und ich hatte Gelübde abgelegt und mich meiner buddhistischen Ordinationslinie und diesem Weg geweiht. Und ich war reichlich gesund für einen fünzig-und-ein-paar-Jahre alten, fetten Mann. Alles war allgemein okay. Keine größere Krise. Nichts, was für diese Erlebnisse, die ich hatte, zu sprechen schien, noch für das unbeschreibliche Empfinden von Sehnsucht, das ich spürte. Ich fühlte mich, als wäre ich verliebt, aber ich wußte nicht, in wen oder was. Ich war wie ein verliebter Teenage-Junge. Ich konnte nicht aufhören, diesen Schmerz zu spüren und diese Sehnsucht und Verwirrung. Alles hatte begonnen, als ich sagte: „Ich vermisse Jesus“, doch ich konnte nicht glauben, daß dies wirklich die Quelle dieses Schmerzes war. Es mußte etwas anderes sein, aber ich wußte nicht, was. Ich hatte versucht, es rational zu durchdenken, hatte ein Inventar möglicher Ursachen, Motive, Ereignisse, die diese Sehnsucht hervorrufen könnten, aufgestellt. Ich steckte fest. Nichts, was ich auflistete, schien ein Grund für diese Erfahrung des Sehnens zu sein und gewiß nicht für die Empfindung einer Anwesenheit in meinem Raum.

Eine Woche lang wurde ich jede Nacht um drei Uhr geweckt. Ich geriet ein wenig in Sorge. Ich hatte keine Erklärung dessen, was geschah, noch irgendeine Idee, wie ich damit umgehen sollte. Ich erkannte, daß das jenseits von allem war, was ich jemals erfahren hatte, und hoffte, daß mir mein Lehrer helfen könnte, diese Erlebnisse zu verstehen und mit ihnen zurechtzukommen. Wenn irgend jemand verstehen könnte, was geschah, so war er es. Ich rief schließlich meinen Lehrer in Wales an und erklärte ihm die ganze Folge von Erlebnissen. Er gab mir den Namen einer tibetischen „Gottheit“, die ich anrufen sollte, und ein Mantra, das mit diesem „Bewußtsein-Wesen“ (unser sangha pflegte den Begriff Bewußtsein-Wesen zu verwenden im Gegensatz zum traditionellen Begriff Gottheit) in Verbindung stand. Er sagte, daß ich, wenn diese Erlebnisse anhielten, die Übungen machen und das Mantra rezitieren sollte, das er mir gegeben hatte.

In dieser Nacht erwachte ich wieder durch die Wahrnehmung einer „Anwesenheit“. Ich ging zu meinem Altar und entzündete die Kerzen. Ich setzte mich eine Weile in stiller Meditation nieder, bevor ich das Mantra anwandte, das ich nach der Anweisung verwenden sollte, und die buddhistische Gottheit anrief. Es war eine kraftvolle Meditation. Es war eine tiefe Stille, und ich empfand eine Ruhe und Stille, die den Raum zu durchdringen schien. Ich rief den Namen des Bewußtsein-Wesens an, wie mich Rinpoche (ein Ehrentitel für einen Vajrayana-Lehrer, der wörtlich Kostbares Juwel bedeutet) gelehrt hatte. Zu meiner Überraschung hörte ich eine Stimme: „Ich bin das nicht.“ Ich kann Ihnen nicht sagen, woher die Stimme kam. Sie klang wie meine Stimme, obwohl ich mich nicht entsinnen konnte, die Worte tatsächlich gesprochen zu haben. Ich kann Ihnen nicht genau sagen, ob diese Stimme innerlich oder äußerlich war, aber es war eine Stimme, die klar und entschieden sagte: „Ich bin das nicht.“

Ich war völlig erschüttert. Ich saß verblüfft und sprachlos da. Ich stand auf und ging nach draußen. Es war ungefähr 3.30 Uhr morgens, und über dem Ozean wurde gerade ein blasser Mond sichtbar. Ich setzte mich auf unsere vorderen Stufen und begann zu weinen. Dieses Sehnen und der innere Schmerz waren nicht schwächer geworden, sondern schienen noch gewachsen. Ich war am Ende meiner Weisheit. Ich wußte, etwas geschah; doch ich wußte nicht, was. Ich weinte aus ganzem Herzen. Ich schluchzte. Schließlich hob ich meinen Kopf und fragte: „Wer bist du?“

Als ich diese Worte sagte, geschah etwas Unglaubliches. Bitte verstehen Sie, daß ich kein Gefühl für die Angemessenheit dessen habe. Ich weiß keine Art und Weise, wie ich das erklären kann und weshalb es geschah. Ich bin der Dümmste. Ich habe nicht einmal das Recht, den Versuch zu unternehmen das, was geschah, zu erklären, noch zu sagen, daß ich es auf irgendeine Weise verstehe oder verdiene, was geschah. Aber als ich diese Worte sprach, wurde ich von einem sanften Licht erfüllt. Es war nicht sichtbar im gewöhnlichen Sinn. Es war eine Helligkeit, die mich erfüllte. Ich kann das Licht nicht beschreiben, noch kann ich beschreiben, wie Licht ein „Kennen“ mit sich führen konnte. Aber ich wußte, daß das Licht in mich gekommen war und mich persönlich kannte. Ich weiß, es scheint unmöglich, aber es geschah. Das Licht kannte mich, Miles, einen jähzornigen Griesgram, nicht nur, sondern es liebte mich; es liebte mich wirklich. Vergeben Sie mir meine Anmaßung, aber das ist es, was ich fühlte. Ich weiß nicht, wie ich Ihnen sagen kann, daß ich es wußte – aber ich wußte es. Ich wußte nicht, wie ich es nennen sollte. Ich fühlte eine Furcht, Gott oder Christus zu sagen, doch ich spürte, daß es etwas zu tun hatte mit Gott und dem Christus/Logos. Ich konnte mich jedoch nicht dazu überwinden, dies zu sagen. Es schien mir zu unmöglich und so sehr beladen mit allem, was ich im Christentum (dem protestantischen Christentum meiner Kindheit) abgelehnt hatte. Es war unmöglich, die Worte zu sagen, obwohl ich spürte, als wäre ein Stück von Gott in mir aufgebrochen, und daß dies Liebe war. Ich fühlte Liebe. Ich empfand eine göttliche Liebe. Ich empfand eine Liebe, die zu mir persönlich kam, so, als hätte sie meinen Namen genannt, als sie in mich kam. Und doch schien sie immer in mir gewesen zu sein, obwohl ich sie nicht gekannt hatte. Sie kam in mich und brach zugleich auf. Ich weiß, daß es schwer ist, es sich auch nur vorzustellen, und ich habe keine anderen Worte, die ich verwenden kann, um den Versuch zu unternehmen, dies zu erklären. Wenn ich irgendeine Möglichkeit hätte, dies auf klarere Weise zu sagen, täte ich es.

Ich fiel auf die Knie und warf mich zu Boden. Ich kann nicht sagen, wie lange ich dort war, aber schließlich setzte ich mich zurück auf die Stufen und weinte von neuem. Ich habe keine Art und Weise, das, was ich empfand, zu erklären. Es mag falsch sein zu sagen, doch ich spürte, daß mir die Worte entfielen, als das Licht eintrat, und ich empfand ein „Wissen“ in mir, das zusammen mit der Liebe geboren wurde. Ich wußte, daß Gott mich liebte, aber ich konnte das Wort Gott nicht sagen. Ich wußte, daß mich Christus rief, aber ich konnte das Wort Christus nicht sagen. Ich war durch meinen Buddhismus zu einigen Erkenntnissen gelangt, zu einigen kleinen aufflackernden Einsichten in das Große Bild durch meinen Lehrer und meine Praxis – aber nichts wie dies. Ich glühte innerlich vor Liebe und einer Erkenntnis des Lichts. Es war kein reales Glühen, sichtbar oder spürbar, doch ich fühlte, als würde ich innerlich leuchten. Ich konnte nicht sagen, ob Gott sich nach mir sehnte oder ich mich nach Gott sehnte. Es schien mir fast so, als würden wir uns im Sehnen begegnen. Zum ersten Mal erschien mir das Sehnen die Erfahrung der Gegenwart Gottes und meiner Beziehung zu Ihm zu sein. Im Buddhismus sprachen wir oft darüber, die Gegenwart unseres Bewußtseins in den Lebensumständen zu finden. Im Tantra bietet all das, was man erfährt, die Möglichkeit, in jenem Augenblick die Erleuchtung zu finden. Unsere Übungen basierten oft darauf, die Gegenwart des Bewußtseins im Gefühl der Lebenssituation, die wir erfuhren, zu finden. Es schien mir, als hätte ich die Gegenwart meines Bewußtseins in der Sehnsucht nach Gott als Licht und Liebe gefunden, und in Seiner Sehnsucht nach mir.

Zum ersten Mal in meinem Leben war Göttliche Liebe da, eine Liebe, die meinen Namen kannte. Ich weiß nicht, wie lange ich auf den Stufen saß. Der Himmel schien hell zu werden, aber ich kann nicht sagen, wann ich hineinging. Ich bin mir sicher, daß ich schließlich schlafen ging, aber ich erinnere mich nicht genau daran, wann das war, obschon ich in meinem Bett angekleidet erwachte.

Am Morgen, als ich meiner Frau erzählte, was geschehen war, sagte ich, Ein Licht, Das Kein Licht Ist, Das Meinen Namen Kennt, sei in mich gekommen. Ich wußte nicht, wie ich es sonst nennen konnte. Ich beschrieb das Erlebnis, doch ich konnte es noch immer nicht über mich bringen, das Wort Gott auszusprechen, noch konnte ich den Namen Christus verwenden.

Natürlich fragte mich meine Frau – als gute Kalifornierin –, ob ich „stoned“ sei. Wir lachten beide. Es war schon lange her, daß dies eine Möglichkeit gewesen wäre (es ist in unserer sangha nicht erlaubt, irgend etwas zu rauchen), doch sie hörte zu, und ich erzählte ihr die Einzelheiten. Ich wußte an dieser Stelle, daß sich alles geändert hatte. Irgendwie war Liebe in das Bild eingetreten, und das Leben, wie ich es kannte, war an den Zusammenbruch gelangt. Mein Lehrer war Atheist, und der Buddhismus, den ich gelernt hatte, beinhaltet gewiß nicht den Gedanken an einen Schöpfergott oder eine Gottheit, die die Quelle von Liebe war. Wir sprachen über Mitgefühl und Weisheit, Güte und Bewußtsein, aber das Wort Liebe wurde selten jemals erwähnt, und gewiß nicht im Zusammenhang mit einer Göttlichen Liebe. Meine Frau war erschrocken, das kann ich sagen. Ganz gleich, wie sehr wir darüber scherzten, spürte sie, daß alles auf dem Spiel stand. Sie wußte nicht, wohin es mich führen würde. Ich wußte es auch nicht. Alles war ziemlich stabil geworden in unserem Leben. In dieser Nacht wurde alles bis ins Mark erschüttert, und meine Frau fühlte das.

Als Das Licht, Das Kein Licht War, Das Meinen Namen Kannte, mich mit sich selbst erfüllte, erkannte ich Dinge, die ich nicht erklären konnte. Ich erfuhr eine persönliche Liebe von einer Quelle, die jenseits von allem war, was ich zuvor erfahren hatte. Es war wundervoll und schrecklich zugleich.

Warum konnte ich nicht die Worte Gott oder Christus verwenden? Was hielt mich zurück? Es schien zu verrückt, daran auch nur zu denken, daß dies Gott/Christus war, doch zum ersten Mal schien es möglich. Es war möglich, daß dies Gottes Liebe war. Es war möglich, daß dies eine Erfahrung Christi war. Ich vermute, daß es gewissermaßen zu „uncool“ war, dies zu sagen. Ich wollte gewiß kein Christ sein. Ich hatte jahrelang Christen als Heuchler und Idioten gegeißelt. Als Buddhist war ich in dieser Hinsicht ein bißchen gütiger, aber ich hatte noch immer keinerlei Absicht, Christ zu sein oder diesen Pfad zu erforschen. Ich war das Konzept eines Gottes nie wirklich losgeworden, auch wenn Rinpoche sagte, ich hätte mit meiner Idee eines Gottes in Beziehung zur Schuld umzugehen. Ich beschuldigte Gott für eine Menge Zeug in meinem Leben, und er sagte, um spirituell zu wachsen, müsse ich diese Anschuldigungen herauslassen. Er hatte recht.

Eine Welt öffnete sich und eine andere fiel fort. Die Gelübde, die ich gemacht hatte, als ich ein Ngakpa wurde, wurden als lebenslange Gelübde angesehen. Die Verpflichtungen, die ich eingegangen war, wurden als „lebenslange“ Verpflichtungen angesehen, sowohl gegenüber meinem Lehrer als auch gegenüber meiner Ordinationslinie. Nun war ich mit der Tatsache konfrontiert, daß es einen Schöpfer der Liebe, eine Quelle der Liebe und einen Geist der Liebe gab, der unerklärlich in meinem Buddhismus war, und aus meiner Erfahrung, die ich nicht leugnen konnte. Ich kämpfte damit, was zu tun sei. Ich hatte keinen Kontext, in den ich diese Erfahrung einordnen konnte. Der Atheismus meines Lehrers schien die Möglichkeit auszuschließen, die Wirklichkeit, die soeben lebendig in mein Leben getreten war, zu verstehen. Ich hatte eine Erfahrung gemacht, die meinen Buddhismus völlig durcheinanderbrachte. Die Struktur unserer Praxis und die Weisung meines Lehrers schienen begrenzt und, wie ich zugeben mußte, unvollständig. Ich wußte, daß sich mein Lehrer in Bezug auf Gott irrte. Was sollte ich tun?

Panteleimon David Walker ist mein Akupunkteur und ein Mitglied der Orthodoxen Kirche in Amerika (OCA). Wir hatten Buddhismus und Christentum monatelang diskutiert, als er mich behandelte. In der folgenden Woche hatte ich einen Termin bei ihm. Nachdem wir uns begrüßt hatten, sagte er: „Ich habe ein Buch für Sie, von dem ich glaube, daß es Ihnen gefallen wird.“ Es war Christ the Eternal Tao von Priestermönch Damascene, ein Buch, das Jesus Christus als die Fülle der Gnade und Wahrheit und das Östliche Orthodoxe Christentum als die Erfüllung dessen offenbart, was die Menschen in östlichen Religionen und Philosophien suchten.2 In dieser Nacht vertiefte ich mich eifrig in das Buch. Ich weiß nicht, wann ich schlafenging, aber ich las es tagelang, und es gab mir eine Grundlage dafür, die Erfahrungen, die ich in Bezug auf Das Licht, Das Kein Licht Ist, Das Meinen Namen Kennt, gemacht hatte, einzuordnen.

Ich wußte, daß es eine Quelle und Energie der Liebe gab, doch ich zögerte, sie den Heiligen Geist zu nennen. Ich hatte mein Kindheits-Christentum weit zurückgelassen. Die Worte blieben mir noch immer im Hals stecken.

David schlug vor, ich sollte eine orthodoxe Kirche besuchen, und erwähnte eine OCA-Kirche in San Francisco. Doch das schien zu sonderbar, zu sehr als ein Zugeständnis gegenüber einer Religion, die ich verlassen hatte. Ich wollte etwas, das nicht auf einer institutionellen Grundlage basierte. Das letzte, was ich tun wollte, war, in eine Kirche hineingezogen zu werden. Und überhaupt – ich war Buddhist. Warum war ich dabei, in eine andere Religion hineingezogen zu werden, und speziell ins Christentum? Ich hatte gegenüber meinem Lehrer und meiner Ordinationslinie ein Gelübde abgelegt. Ich sollte zum jetzigen Zeitpunkt keine andere Form von Anbetung erkunden. Doch mein Buddhismus kannte oder anerkannte nicht die Erfahrungen, die ich hinsichtlich des Göttlichen gemacht hatte. Ich wußte so gewiß wie alles andere, daß die Erfahrungen, die ich mit dem Licht, Das Kein Licht Ist, Das Meinen Namen Kennt wirklich und echt waren. Mein Lehrer sagte, es gäbe keinen Gott, aber ich wußte, daß ich die Göttliche Liebe persönlich kennengelernt hatte.

Ich widersetzte mich dem Gedanken an eine Kirche, doch die Orthodoxie hatte eine alte kontemplative Tradition und eine Methode, an einer Vertiefung und Erweiterung der persönlichen Umwandlung des Selbst in Bezug auf das Göttliche zu arbeiten. Vr. Damascenes Buch öffnete mir die Möglichkeit, zumindest eine Tradition im Christentum zu erforschen, die weit über alle christlichen Traditionen hinausging, von denen ich jemals gehört hatte. Ich rief die Holy Trinity Cathedral (die Kirche der OCA in San Francisco, die David vorgeschlagen hatte) an. Ein Mann nahm den Hörer ab, und ich fragte, ob die Gottesdienste in englisch wären. Er sagte mit einem starken russischen Akzent: „In gebrochenem.“ Ich brach in Lachen aus. Schon mochte ich diesen trockenen Humor. Ich bekam die Zeiten für die Liturgie und dankte ihm.

An einem Sonntag im Februar wachte ich auf und zog mich an und sagte zu meiner Frau, ich würde losgehen, um eine Kirche zu finden. Sie war schockiert. „Was?“, rief sie.

„Ich weiß. Frag mich nicht. Ich bin bald zurück.“

 

Regen strömte herab, und die Straßen waren ziemlich leer. Ich fuhr nach San Francisco hinein und hatte eine vage Vorstellung von einer russischen Kirche mit blauen Kuppeln in der Innenstadt. Die Holy Trinity Cathedral war in der Green Street verzeichnet, und ich dachte, einfach in diese Richtung zu fahren. Schließlich sah ich die Kuppel und das Kreuz. In dieser Gegend gibt es nie Parkplätze, so sagte ich mir, als ich mich näherte: „Wenn da ein Parkplatz ist, halte ich an, wenn nicht, gehe ich zu Burger King.“ In diesem Augenblick, als ich das sagte, fuhr jemand aus einer Parklücke gegenüber der Kirche. „Okay, okay, ich gehe hinein.“ So betrat ich die Kirche am 7. Februar 1999. Zu jener Zeit wußte ich es nicht, aber es war der Sonntag des Verlorenen Sohns.

Im Tantra werden bei der eigenen Praxis alle Bereiche der Sinne verwendet. Die Sinne werden nicht verleugnet, sondern benutzt, sowohl um offen zu sein, als auch in den natürlichen Zustand der eigenen Erleuchtung hinein zu entspannen. Als ich die Kirche betrat, nahm ich eine weite Entfaltung von Licht und Duft wahr. Ich wurde an der Tür begrüßt und willkommengeheißen. Als ich gefragt wurde, ob ich orthodox sei, erwiderte ich rasch (und wahrscheinlich brüsk), ich sei kein Christ, ich sei Buddhist. Ich stand an der Rückseite und beobachtete. Als die Liturgie begann, schienen die Musik und der Gesang und die Lesungen den Raum zu erfüllen, wie auch das Licht und die Düfte. Der ganze Gottesdienst schien ein ausgearbeitetes Ritual der Sinne zu sein. Es war wundervoll, und mir wurde himmelangst. Es gab etwas, das sich richtig anfühlte. Wenn es nur nicht so christlich gewesen wäre. Nach dem Gottesdienst wurde ich gefragt, ob ich noch mit den Leuten zum Mittagessen bliebe. Das tat ich. Es gab ein gutes Gespräch und sogar ein Interesse an meinem Buddhismus. Ich ging fort mit dem Gefühl, eine neue Art von Christentum gefunden zu haben. Definitiv nicht das Christentum meiner Kindheit. Ich kehrte am folgenden Sonntag zurück.

Ich begann, auf die Worte der Liturgie zu hören. Bald begann ich, zu einigen der Abendgottesdienste zu kommen und war erstaunt über das, was rezitiert wurde. Ich hatte niemals von einer Theologie gehört, die verbunden mit den Lesungen gesungen und psalmodiert wurde. Mehr und mehr begann ich zu erkennen, daß es in der Orthodoxie ein Christentum gab, das weiter und tiefer war, als ich es kannte. Und ich begann Hinweise auf das Licht zu hören, ein Licht, das viel gemein hatte mit meiner Erfahrung von Einem Licht, Das Kein Licht Ist, Das Meinen Namen Kennt. Es gab sogar eine Theologie, die erklärte, wie wir gerufen und geliebt werden von Gott, dem Vater, dem Logos und dem Heiligen Geist. Ich begann mich behaglicher zu fühlen mit den Worten Gott und Christus. Natürlich fühlten sich meine Frau und meine Freunde sehr unbehaglich, als sie hörten, wie ich diese gefürchteten Worte zu benutzen anfing. Die meisten Leute verstummten, als sie hörten, ich würde eine christliche Kirche besuchen, zudem eine orthodoxe christliche Kirche. Nach wie vor nahm ich an meiner buddhistischen Gruppe teil, und ich wußte, wenn mein Lehrer im März eintreffen würde, dann hätte ich mit ihm zu sprechen. Ich fühlte mich, als würde ich mich gewissermaßen fortstehlen, indem ich zu einer christlichen Kirche ging, und ich wollte das nicht tun. Doch ich mußte meine Erfahrungen klären, und ich spürte, die Kirche würde einige mögliche Antworten anbieten, die, wie es schien, weder mein Lehrer noch meine buddhistische Ordinationslinie geben konnten. 

Vater Damascenes Buch war der Katalysator für diese Erforschung, und die Entfaltung der Kirche in meinem Leben erschien als eine fast natürliche Fortentwicklung aus dieser anfänglichen Lektüre des Buches. Je häufiger ich an den Gottesdiensten teilnahm, desto mehr spürte ich, daß dies ein Ort war, an dem ich mich als Christ wohlfühlen konnte. Allerdings müssen Sie wissen, daß ich dieses Wort niemals benutzte. Noch widersetzte ich mich. Ich zögerte noch. Ich schlich an den Ecken des Christentums herum, im Schatten der Kerzen wie auch im Licht. Ich verwehrte mich dagegen, mich zu verbeugen und zu bekreuzigen. Das ging mir einfach zu weit. Ich war immer noch Buddhist. Ich war nur zu Besuch im Christentum. Auf diese Weise konnte ich noch teilnehmen und erforschen, aber keine Verpflichtung eingehen. Eines Nachts kam Matuschka Barbara (die Frau des Priesters) herüber und fragte, ob ich lernen wolle, wie ich mich bekreuzige. Als ich ja sagte, war ich über mich selbst erstaunt.

Ich weiß, es klingt seltsam, aber mich zu bekreuzigen machte einen Unterschied darin, wie ich mich selbst sah und wie ich am Gottesdienst teilzunehmen begann. Es war das erste Zeichen, das ich öffentlich machte, welches zeigte, daß ich dem Christentum vertraute und mich innerhalb des christlichen Rahmens zu sehen begann. Es ist eine solch einfache Handlung, aber sie wurde meine erste Handlung, mit der ich das Christentum anerkannte, das erste Zeichen dessen, daß ich „Christus anzog“. Ich war erzogen, die „Papisten“ zu hassen. Mein Vater war als deutscher Lutheraner aufgewachsen, und er haßte die Katholische Kirche. Ich hatte das auch noch in mir. Aber ich bekreuzigte mich in jener Nacht und in anderen Nächten, als ich begann, immer häufiger an den Gottesdiensten teilzunehmen und in der Orthodoxie nach Antworten und einer neuen Form der Frömmigkeit zu suchen.

Im Vajrayana Buddhismus betrachtet man seinen Lehrer als erleuchtetes Wesen, der den eigenen Pfad zur Erleuchtung vollständig verkörpert. Man fällt vor seinem Lehrmeister nieder als Zeichen der völligen Hochachtung und als Zeichen der Abhängigkeit von ihm für den eigenen spirituellen Fortschritt und dessen Verwirklichung. Ich fiel ohne Vorbehalt vor meinem Lehrer nieder. In der Orthodoxen Kirche fällt man vor dem Vater, dem Sohn und dem Heiligen Geist in einer Geste der Anbetung nieder und verneigt sich vor Bildern der Heiligen als Geste der Verehrung und der Hochachtung. Ich machte noch immer keine Verbeugungen und fiel auch nicht nieder [Metanien]. Es war etwas in meinem Starrsinn, das selbst für mich keinen Sinn machte. Ich weiß, es war sonderbar, sich vor einem Lehrer niederzuwerfen, nicht aber vor Gott. Irgendwie erschien es mir einfacher zu sein, einem Menschen zu vertrauen als dem Göttlichen. Ich bekreuzigte mich, machte aber keine Metanien. Ich war doch buchstäblich aus dem Bett gezogen worden, gerufen worden auf eine Weise, daß ich es sogar zu hören schien, und ich hatte eine unbeschreibliche Erfahrung von Licht und Liebe auf persönliche Weise; und doch leisteten mein Stolz und mein Starrsinn Widerstand gegen einen reicheren und volleren Ausdruck der Frömmigkeit. Ich beugte mich nicht. Ich verbeugte mich nicht vor Gott. Etwas leistete nach wie vor starken Widerstand gegen den Ruf Christi und der Orthodoxen Kirche.

Die Große Fastenzeit ist eine Zeit der intensiven geistlichen Überprüfung. Die ganze Kirche beginnt kollektiv eine Reise mit Christus in Richtung Jerusalem. Die ganzen vierzig Tage werden zu einem kosmischen Drama, das sich in einer Art von Zeit entfaltet, die ich im Buddhismus nie erfahren habe. Die Zeit scheint fortzufallen, fast proportional zur Verlängerung der Gottesdienste. Irgendwie wird Zeit benutzt, um Zeit zu transzendieren.

Ich hatte im Buddhismus an langen Ritualen teilgenommen. Gelegentlich fühlte ich die Zeit schneller vergehen, als ich es erwartet hatte. Aber ich hatte niemals Zeit auf „ewige“ Weise erfahren. In der Orthodoxen Kirche scheint die verlängerte Dauer der Gottesdienste und Liturgien tatsächlich in eine Zeitlosigkeit zu münden, die ich niemals so intensiv empfunden habe. Jedes Wort der Hymnen oder des Gottesdienstes schien an mich selbst gerichtet zu sein. Jeder Vers über das Verlorensein und das Verirrtsein und das Ausgeliefertsein an die Umstände des Lebens wurde für mich gelesen. Ich wurde von der Liebe gefunden, doch ich war immer noch verloren. Ich ging jeden Abend fort mit dem Gefühl, daß alles, was gesungen oder psalmodiert wurde, das war, was ich gesagt hätte, wenn ich irgend etwas so schön und wahr hätte ausdrücken können. Ich ließ den Chor meine Lobpreisungen singen und den Leser meine Liebe psalmodieren. Als sich die Fastenzeit vertiefte und gewaltiger und weiter und (so muß ich sagen) leidvoller wurde, begann ich Zeit in der Kirche auf eine Weise zu erfahren, wie ich sie nirgendwo sonst erfahren hatte.

Auch als Buddhist hatte ich Stunden in Meditation und Wochen in einsamer Zurückgezogenheit verbracht, doch die Zeit war niemals so still geworden. Die Gottesdienste der Großen Fastenzeit begannen mich zu verändern. Eines Nachts bei einem Gottesdienst der Fastenzeit beugten sich meine Knie. Ich empfand mich vor Gott kniend, und ich fühlte mich so schrecklich dafür, daß ich mich zurückgehalten hatte. Ich fühlte mich als solch ein Narr und hochmütiger Idiot. Alles in mir hatte mir von Christi Großem Gutem Herzen erzählt, und ich hatte Seine Umarmung zurückgewiesen. Als mein Kopf den Boden berührte, brach Gott mein Herz. Ich schluchzte. Als Vater Victor kam, um die Ikone neben mir zu beräuchern, wußte ich, daß er mich weinen hörte. Ich konnte nicht aufhören. Ich war so verlegen, ich fühlte mich so entblößt. Leute, mit denen ich wochenlang regelmäßig zusammengewesen war, standen neben mir in der Kirche. Sie hatten mich als überheblich in meinem Buddhismus erlebt, sie hatten gesehen, wie ich zurückstand. Sie hatten gesehen, wie ich mich bekreuzigte und noch immer reserviert war. Und jetzt sahen sie mich auf Knien und wie mein Kopf den hölzernen Boden berührte, und sie sahen mich weinen, als Gott mein Herz brach.

Genau dort brach Gott mein Herz. Ich kann auf den Punkt zeigen. Er hatte mich in jener Nacht gerufen. Er war als Licht in mich gekommen. Jetzt brach Er mein Herz. Ich kann es nicht deutlicher erklären. Gott brach meine Überheblichkeit und meine Einsamkeit, und Er machte die Einsamkeit nicht länger möglich. Er hielt mich mit Seiner Liebe, ausgesetzt in der Zeit, und ich war nicht eines Jota dessen würdig.  

Nun wurde ich von der Liebe gebrochen. Ich war ein Bettler. Ich bin ein Bettler.

Die Abendgottesdienste häuften sich und wurden intensiver. Meine Frau war zornig darüber, daß ich so oft fort war, und wir stimmten häufig nicht überein. Ich bekam nicht viel Unterstützung dafür, diese Bewegung hin zum christlichen Weg fortzusetzen. Meine Freunde dachten, ich wäre verrückt. Meine buddhistischen sangha-Mitglieder wußten nicht einmal etwas über meine parallelen Kirchbesuche. Je stärker ich zur Kirche hingezogen wurde, desto größer schienen die Kräfte zu sein, die mich zurückzogen. Die Widersprüche und die Heuchelei meiner eigenen Teilnahme als Buddhist in einer christlichen Kirche waren sogar für mich offensichtlich.

Erst in jener Nacht erkannte ich, daß es keine Rückkehr mehr gab. Ich liebte, und ich mußte so nahe wie möglich zur Quelle der Liebe gelangen. Ich denke, ich war eine Zeitlang ein bißchen verrückt. Die Sehnsucht hörte nicht auf. Es schien mir, sie wurde stärker, je weiter die Große Fastenzeit fortschritt. Beim geringsten Anlaß brach ich in Tränen aus. Ich ging die Straße hinunter und sah ein altes Paar, das sich an den Händen hielt, und mir liefen die Tränen in Strömen. Ich war überwältigt von den Gottesdiensten und der Liturgie. Ich hörte die Glocken läuten beim Beginn der Rezitation des Glaubensbekenntnisses, und ich mußte mich mit Tränen abwenden. Ich begann in der Ecke zu stehen, weil ich so verlegen war. Wenn ich weiter vorn gestanden hätte, hätte ich den Chor besser hören können; das vermißte ich, aber ich stand in meiner Ecke und fühlte mich wie ein Bettler, der von einem Lagerfeuer gewärmt wurde.

Ich schrieb an Vater Damascene, der sich in Alaska aufhielt, und an den Rektor der Holy Trinity Cathedral, Vater Victor Sokolov, um ihnen mitzuteilen, was in mir geschah, und über mein wachsendes Bedürfnis, die Orthodoxie ernsthafter zu erforschen. Vater Damascene antwortete mit einem wundervollen Brief und Ermutigung. Ich war sehr bewegt durch seine Freundlichkeit. Ich bat um ein Treffen mit Vater Victor.

Ich wußte, daß mein Lehrer bald eintreffen würde, und ich rief ihn an und bat ihn darum, etwa Zeit für ein Treffen mit mir einzuplanen. Ich hatte meine Gelübde ihm gegenüber gebrochen, nicht, weil ich begann, das Christentum anzunehmen, sondern weil ich ihm nicht mehr genug dahingehend vertraute, daß er die Erfahrung des Lichts, Das Kein Licht Ist, Das Meinen Namen Kennt, verstand. Ich spürte, daß er, weil er eine atheistische Position eingenommen hatte, a priori nicht das Wesen der Erfahrung des Lichts verstehen würde. Dies war der Augenblick, in dem ich meine Gelübde brach. Ich verletzte das Lehrer-Schüler-Vertrauen. Aber infolge dieses Bruchs war ich in der Lage, mich für eine vollständigere Erfahrung des Heiligen Geistes zu öffnen, um einen Teil von mir zu öffnen, den nicht zu öffnen ich verpflichtet war aufgrund meiner Gelübde.

Jene buddhistischen Gelübde waren zu einer bestimmten Zeit das Zentrum meiner Identität und meines Lebens. Ich versuchte, die Gelübde ernstzunehmen. Ich liebte Rinpoche. Noch immer tue ich das. Ich fühlte eine unbeschreibliche Verantwortung dafür, eine Kette von Gedanken und Methoden mystisch weiterzuführen, die den Menschen half, die Muster, die sie davon abhielten, sich in die natürliche Gutheit des Seins und Nichtseins hinein zu entspannen, zu sehen. Ich hatte mich dessen verpflichtet, und ich hoffe noch immer, daß ein Teil jener Verpflichtung zum Guten und zur Befreiung in mir ist.

Ich begegnete Rinpoche, und wir begannen miteinander zu sprechen. Ich fragte, ob wir aus dem Wohnzimmer in sein privates Zimmer wechseln könnten. Ich weiß, daß er ein Unbehagen wahrnahm. Ich erzählte ihm, was geschehen war und versuchte, ihm die Erfahrung des Lichts, Das Kein Licht ist, möglichst vollständig zu erklären. Ich denke, daß er in mir sah, daß das Erlebnis real war. Vielleicht spiegelte es sich in den Tränen wider. Wieder wurde ich von diesen Tränen der Freude und der Angst überwältigt. Ich hatte Angst, daß ich eine Saite durchtrennt hatte, die mich geistig ernährte. Ich hatte darum gebeten, aus der Energielinie herausgenommen zu werden, die sich wie ein Fluß durch den Kosmos bewegt. Ich war aus dem Strom herausgenommen worden. Ich war ein früherer Buddhist. All meine Götter waren mir fortgenommen worden: meine Bilder des Bewußtseins, des Weges, in dem die Welt widergespiegelt wurde. Die Yidams und Schützer3, mit denen ich eine Welt teilte, waren für mich nicht mehr da. Es war ein seltsamer Verlust, doch es war ein mächtiger.

Ziemlich plötzlich bat ich darum, von meinen Gelübden entbunden zu werden. Es brach gewissermaßen aus meinem Mund hervor. Ich fühlte mich schrecklich. Ich hörte meine eigenen Worte, die darum baten, von meinen Gelübden entbunden zu werden, und ich empfand, einen Mann verraten zu haben, den ich liebte und der mich innig liebte. Er war fast acht Jahre lang mein Spiritueller Vater gewesen. Ich wußte, daß ich ihn verletzte. Ich verletzte ihn, weil er mich liebte, und ich wußte dies, und weil ich mich verpflichtet hatte, mich diesem Strom der Ordinationslinie anzuschließen, bis alle Wesen befreit waren. Es war mehr als ein persönliches Gelübde ihm gegenüber. Ich wußte das. Jene Methoden, das weite Spektrum der Wesenheiten und Welten zu betrachten und zu identifizieren, waren die zentralen Bezugspunkte meines Lebens. Es gibt Ströme der Ordinationslinien im Buddhismus, die besondere Kosmologien und Weisen, die Welt zu sehen, haben. Sie alle beziehen sich auf die Grundlage der Religion: Mitgefühl und Bewußtsein. Ich bat darum, nicht mehr zugehörig zu sein zu etwas, das mehr war als ein sangha.

Alles war von Trauer veräzt. Rinpoche sagte, er würde mich von meinen Gelübden befreien. Er sagte, ich könne den christlichen Pfad ein Jahr lang erkunden und ich könne innerhalb dieses Jahres zu meinen Gelübden zurückkehren, wenn ich dies wünsche. Er sah, daß ich eine Umwandlung erfahren hatte – aber ich hatte keine Vorstellung davon, was er sah. Er war wie stets der Güte zugeneigt und schuf die Möglichkeit von Weiträumigkeit in einem schrecklichen Augenblick. Er konnte stets einen Fluß des Gegebenen auf den Kopf stellen. Deshalb war er ein solch guter Lehrer für mich. Er kehrte meine Reaktionsmuster gegenüber der Welt aus dem Inneren nach außen. Doch durch die Erfahrung des Lichts Gottes war alles nichtig geworden. Ich sagte ihm, daß ich mich nicht zurückhalten würde und daß ich dort so tief, wie ich könnte, hineingehen würde.

Er sagte, meine einzige Verantwortung ihm gegenüber sei, ein guter Christ zu sein.

Ich denke, wir weinten beide. So erinnere ich mich daran. Doch vielleicht war ich es auch nur. Ich ging fort wie in einer Art Schock. Ich fühlte mich, als wäre jemand gestorben. Ich hatte ein schreckliches Gefühl, als wäre ein Unfall geschehen und alles hätte sich in einer Sekunde verändert. Dann gibt es diesen zerreißenden Augenblick der Gewißheit und Entsetzen, in dem etwas geboren wird und etwas im letzten Moment entschwindet. Rinpoche hat stets versucht, uns zu zeigen, wie man diese Augenblicke in Punkte des Bewußtseins verwandelt.

Ich fuhr über die Bay Bridge nach Hause, als mir schlagartig in den Sinn kam, daß es jenseits der Trauer eine Gewißheit gab, daß die Entscheidung richtig war. Es war eine sonderbare, bittersüße Erinnerung an das Licht, Das Kein Licht Ist, Das Meinen Namen Kennt. Sogar in all der Bedrängnis war es da. Ich begann mich an alles zu erinnern und mir alles vor Augen zu führen – von jenem Ruf in der Nacht, als ich nach Einbrechern suchte. Ich hatte Gott in all der Zeit vergessen. Das ist mein Problem. Ich vergaß Gott zwanzig Jahre lang.

Ich war buchstäblich wachgerufen worden, zur Pforte gerufen und hereingebeten worden. Ich versuchte mich an das erste Mal zu erinnern, da ich mich bekreuzigte, und an die Stelle, wo Gott mein Herz brach.

Manchmal muß Gott uns Idioten mit einem Kantholz auf den Kopf schlagen, bevor wir es kapieren. Mein Magen war verknotet, doch ich spürte trotzdem, daß es okay war. Es gab einen kleinen Punkt der Ruhe, ein Auge im Sturm. Zweifel und Trauer wurden in atmosphärische Bedingungen getaucht, die diese kleine Perle der Gewißheit über die Liebe Gottes umgaben. Es war eine Sache des Erinnerns und Wiedererinnern den ganzen Tag hindurch, daß es sie gab.

Schließlich gab es eine Zielrichtung in diesem seltsamen Zusammenfluß der Zeit, der Umstände und des Mysteriums. Es schien in diesem großen Drama und Plan des Seins eine zentrale Quelle der sich-selbst-verströmenden Liebe zu geben, die durch alles, was ist, weht und jeden und alles zur Göttlichen Liebe zurückruft. Dies ist die Beschreibung, die dem meiner Ansicht nach am nächsten kommt.

Ich sandte Vr. Victor eine e-mail, daß ich von meinen buddhistischen Gelübden entbunden sei. Ich bat ihn, sich mit mir zu treffen, so daß ich herausfinden könnte, wie es von hier aus nun weiterging. Ich nahm weiterhin an den Gottesdiensten der Großen Fastenzeit teil. Als sich Pas’cha näherte, war ich erschöpft. Ich war ausgelaugt und leer, abgesehen von dem kleinen Licht, das irgendwo im Hintergrund stand. Alles war innerhalb weniger Monate auf den Kopf gestellt worden.

Ich traf Vr. Victor, und wir sprachen miteinander. Er schlug mir ein paar Bücher vor und ermutigte mich, weiterhin an den Gottesdiensten teilzunehmen. Er erinnerte mich daran, daß es alle paar Wochen nach der Vesper eine Studiengruppe gab. Mein Treffen mit Vr. Victor war sehr angenehm. Er wußte es zu jener Zeit nicht, aber er gab mir wahrscheinlich einen der bemerkenswertesten Ratschäge, die man nur einem Buddhisten geben konnte, der nach Christus Ausschau hielt. Er sprach die Worte schnell und gewissermaßen beiläufig. Er hielt inne, wandte sich zu mir um und sagte: „Auch wenn Sie nichts haben, dann bringen Sie eben nichts dar.“ In jenem Augenblick machte Gott die Welt so, daß sie überreich erschien, und Vr. Victor half. Ich erkannte, daß ich Gott alles darbringen konnte. Ich konnte Ihm meine Trauer und Bedrückung darbringen, meinen Zorn und mein Mißtrauen. An einem guten Tag konnte ich Ihm etwas Freude und eine Traube des Glücks darbringen. Das war etwas sehr Wichtiges zu hören für mich. Ob es eine Paraphrase von einem anderen war oder nicht, kümmert mich nicht. In diesem Augenblick gehörten Vr. Victor diese Worte, und sie waren seitdem immer bei mir. Niemals hat es seitdem auch nur einen Augenblick gegeben, in dem ich nicht etwas gehabt hätte, das ich Gott darbringen konnte.

Je mehr ich mich der Kirche näherte, desto angespannter wurde es zu Hause. Diane vermißte mich und war nicht sehr feinsinnig darin, mich das wissen zu lassen. Natürlich wußte sie nach dreiundzwanzig jahren (zu jener Zeit), daß Feinsinnigkeit bei mir nichts bewirkte. Ich bin zu dumm. Die schwierigsten persönlichen Brüche waren jene mit meinen Freunden in der buddhistischen Gruppe. Ich bat um die Erlaubnis meines Lehrers, meiner Vajra-Schwester und meinem Vajra-Bruder (meinen engsten Verwandten in dieser Gruppe) die ganze Geschichte zu erzählen, damit sie genau wußten, was geschehen war. Ich befürchte, wir hatten keinen gemeinsamen Erfahrungsschatz oder Sprache. Ungeachtet dessen, was ich über das Geschehene sagte, sahen sie nur, daß ich meine Gelübde gebrochen hatte. Es war für die Menschen sehr schmerzhaft und schwierig zu hören. Wie ich sagte, es stand mehr auf dem Spiel als nur eine kleine Gruppe von Menschen. Wir sprachen über die Fortsetzung der Ordinationslinie, und jene Gelübde waren Teil dieser Verpflichtung. Ihr Zorn war in Wirklichkeit ein Zeichen ihrer Hingabe an Rinpoche. Sie fühlten sich betrogen und verletzt und wütend. Ich brach ein spirituelles Band zwischen uns. Sie hatten recht. Doch mir stand noch eine harte Zeit bevor, das zu verstehen, was mir als Mangel an Liebe erschien. Es gab ein langes Schweigen.

Am 23. Mai 1999 wurde ich in der Holy Trinity Cathedral in die Orthodoxe Kirche getauft. Die folgende Kopie eines Briefes, den ich an meinen Priester schickte, kann etwas davon vermitteln, was das Sakrament für mich bedeutete.  

 

Lieber Vater Victor,

heute vollendeten sich vier Monate, in denen ich versucht habe, das Mysterium von Gottes Sein und Seiner tiefen Sehnsucht nach jedem von uns anzunehmen. Ich weiß, daß dies erst der Anfang ist. Ich weiß, daß ich derart neu und jung darin bin, daß die Gefahr besteht, daß die Kraft dieser Freude mich denken läßt, ich würde Dinge wissen, die ich nicht weiß. Aber heute war es wundervoll – voller Wunder.

Die unbeschreibliche Dankbarkeit, die ich heute fühlte, war unvollständig, schwach. Ich bin es jetzt nicht, noch werde ich jemals in der Lage sein, mich mit Dankbarkeit gegenüber Gott auf eine Weise zu erfüllen, die Ihm irgendwie von Nutzen sein könnte. Ich bin ein schwaches Beispiel an Frömmigkeit, doch für mich ist dieser Tag ein überfließendes Maß, das sich über den Boden ergießt und den Keller mit Dankbarkeit erfüllt. Was kann ich Gott nur zurückgeben? Was könnte ich jemals etwas ersinnen, das eine Opfergabe für Gott wäre? Ich kann mir nicht vorstellen, jemals diesen Frühling in mir ausdrücken zu können. Aber wenn ich es könnte, so wäre es heute. Ich würde zu Gott gehen und Ihm diesen Tag darbringen als das, was ich geben könnte. Ich würde meine Taschen mit diesem Tag leeren und sagen: „Bitte, Herr, das ist das Beste, was ich habe. Bitte nimm ihn von mir – diesen Tag.“

Tränen laufen meine Wangen herunter. Meine Frau steht nur einen Herzschlag entfernt und schaut zu. Ich höre den Chor. Ich fange ihren Blick. Ich sehe, daß Sie sich auf mich zubewegen. Es ist wie in Zeitlupe – eine Filmszene außerhalb der Zeit. Die Kirche atmet Licht. Ich sehe Ihr Kreuz vor mir, das Gold in der diffusen Sonne, den weißen Stoff Ihres Gewandes. Die Worte, die Sie sprechen, klingen wie Glocken. Ich stehe nur da. Ich bin nur diese stille Person, die an diesem schönen Ort steht. Es ist eine Fülle vorhanden, die ich niemals zuvor erfahren habe – eine Empfindung, von Gott tief im Inneren erkannt zu sein. Ich bin mir darin sicher. Die Klüfte meines Herzens, jene dunklen, verborgenen, traurigen Stätten, die ich für mein ganzes Leben lang für die Liebe verschlossen hatte, scheinen von einer Großen Güte berührt worden zu sein. Der Schnee schmilzt. Ich fühle es in mir. Die Gletscher verwandeln sich in Seen… Die Türen sind offen, und der Wind weht gegen die Vorhänge. Auf dem Boden ist ein Flecken warmes Sonnenlicht, und Staubteilchen leuchten in der Luft; sie wirbeln umher wie die Muster auf dem Gewand eines Tänzers, das über den Boden fegt.

Lieber Vater Victor, das ist nicht eine zweite Chance – es ist eine erste Chance. Ich bin neu für das Leben, neu für diese Welt. Ich habe niemals etwas wie dieses Neusein empfunden. Ich fühle mich sauber im Innern. Ich fühle mich, als hätte ich niemals zuvor Sonnenlicht gesehen. Ich bin erstaunt über die Augen der Menschen. Die kleinen Fältchen um ihre Lippen, wenn sie lächeln. Die Weise, wie der Morgen durch sie leuchtet und nicht nur auf sie. Sie sehen so wundervoll aus.

Das Wasser wusch mich. Ich habe niemals gedacht, ich könnte das verstehen oder auch nur sagen. Das Öl segnete mich. Versiegelte mich im Leib einer zeitlosen Kirche.

Das ist kein Archetyp oder Symbol oder nur ein Ritual, eingeschlossen in eine kleine Kirche in San Francisco. Es ist wirklich und wunderbar, und es ist von Gott für alle von uns. Alles in mir sagt, daß es wahr ist. Ich erinnere mich an Johanns Hand auf meinem Arm, die mir half, als ich in den Fluß Jordan stieg. Ich erinnere mich an die Säule aus Sonnenlicht und die Ikone Christi hinter den Königlichen Türen. Ich erinnere mich daran, wie Diane am Ufer weinte. Ich erinnere mich an Ihre Stimme, und ich erinnere mich daran, wie mir Gott half unter dem Wasser und mich aufnahm und mich wusch und mich heraushob, um der Welt zu zeigen, daß ein neues Kind geboren ist.

Sie führten mich vom Fluß fort, meine Kleidung klebte an mir, als ich nach Ihrer Hand griff, die in das liturgische Gewand gehüllt war – Freude in meinem Herzen, während ich jeden Schritt sah und das Lächeln und die Augen der Kirche lebendig am Morgen. Am Ufer warteten die Menschen. Meine Frau sah zu und jene wunderbaren Menschen, die mich seit dem Verlorenen Sohne ermutigt hatten, wiederzukommen – immer zurückzukehren.

Immer zurückzukehren: diese Formel der Umkehr – dieser Lauf der Freiheit, zurückzukehren – war mein „freier Weg“ der Rückkehr und Reue gewesen, seit Gott mein Herz brach. Ich kann Ihnen die Stelle zeigen, wo Gott mein Herz in Ihrer Kirche brach – in unserer Kirche. Ich kann Ihnen zeigen, wo ich den Boden mit meinem Ärmel wischte, nachdem ich schließlich vor Ihm niedergefallen war, wobei ich Ihn anrief und Ihm antwortete. Wie könnte ich anderswohin gehen? Welcher Ort könnte mehr Zuhause sein? Ich will an diesem Ort sein, wo Gott mein Herz brach.

Als ich mich dem Kelch näherte, kehrte ich nach Hause zurück.

Als ich aufwuchs, empfing ich die Kommunion, aber ich habe niemals wirklich an der Eucharistie teilgenommen. Heute wurde mir durch die Gnade die Möglichkeit gegeben, den Leib Christi zu mir zu nehmen und das Blut Christi zu trinken. Es gibt keine realen Worte dafür – es ist ein Mysterium, über das ich nicht einmal beginnen kann zu sprechen. Ich bin sprachlos davor. Ich bin nur über alle Maßen dankbar und gesegnet im Schweigen.

Und ich bin schließlich zu Hause. Aus irgendeinem unbekannten Grund liebt mich Gott. Mich! Ich weiß, daß dies wahr ist. Er liebt mich als mich – mit einem Namen, meinem Namen. Gott kennt meinen Namen! Gott kennt mein Herz und mein Gehirn und mein Fett und meine Muskeln, und Er liebt mich. Gott kennt jeden Gedanken von mir und Furcht und Schmerz, und Er nimmt mich trotzdem an. Das ist die allerunglaublichste Wirklichkeit. Oh, Vater, heute geschah Gottes große Gabe an mich und von mir an Ihn. Ich bin arm und leer vor ihr.

Und doch bin ich in dieser meiner Leere voll von Ihm. Heute wurde ich entleert, und heute wurde ich erfüllt. Sie hielten den Kelch für Gott. Als Diener des Leibes Christi bliesen Sie mich an, wuschen mich und salbten mich mit Seinem Öl. Sie gaben mir zu trinken, und Sie gaben mir zu essen. Das ist es, was Er Ihnen zu tun aufgetragen hat. Aber es war Er, Der mich heute leerte, und Er, Der mich erfüllte mit Seiner Gnade.

Das ist das Mysterium, das wir heute miteinander teilten. Sie und ich und die großartigen guten Herzen, die den Leib der Kirche bilden. Es war meine Reise und unsere als die der Kirche.

Ich wurde wachgerüttelt durch Wasser und Gnade und Gottes Liebe. Ich wurde gesalbt mit Öl zu dieser Zeit und auf ewig. Ich wurde erneuert, gefunden und herausgerufen; mir wurde vergeben und vergeben und vergeben. Mir wurde das Verständnis eines Mysteriums eingeflößt, das jenseits meines Verstehens liegt. Ich bin ein Narr und ein Sünder, aber ich wurde vom Heiligen Geist umfangen und vor einer Kirche, die auf ewig bestehen wird, mit einem Namen versehen.

Ich bringe Gott den heutigen Tag dar, Vater. Nur Dankbarkeit und Gebet und Stille. Gute Nacht.

Liebe in Christus,

Nilus.

 

Anm. des Hg.: Bei der Taufe empfing der Verfasser den Namen eines Heiligen aus der „Nördlichen Thebais“ Rußlands, des hl. Nil von Sora, der im fünfzehnten Jahrhundert lebte.

* Erstveröffentlichung in: „The orthodox Word“, Nr. 217, März-April 2001; deutsche Veröffentlichung: „Der Schmale Pfad“, Band 45, September 2013, Hg. Johannes A. Wolf, www.orthlit.de

1 Tantra ist eine Lehrsystem, in dem die Beziehung der Praktizierenden mit deren alltäglichem Leben betont wird. Dzogchen ist der Wegfall von Lehrformen, basierend auf plötzlichem und spontanen Erwachen. (Fußnoten vom engl. Hg.)

2 Hieromonk Damascene, Christ the Eternal Tao, St. Herman of Alaska Brotherhood, Platina, Ca. 1999. (Übers.)

3 Yidams sind Teil der tibetanischen Kosmologie der „energetischen Wesen“, die von Buddhisten angerufen werden. Schützer sind Wächter der buddhistischen Lehre (Anm. engl. Hg.)

 

 

Vom Christentum zum Islam

Elisabet B.: Christus stand vor den Türen und klopfte an mein Herz[1]

Beschreibung der Wirklichkeit aus der Perspektive einer Frau

Ich lebe mit meinen Eltern in Deutschland, seit ich fünfzehn bin. Ich war neunzehn Jahre alt, als ich Fatih traf. Es stellte sich heraus, dass er der einzige junge Mann war, der meine Ansichten über diese Welt, über Gott, wirklich teilte. Ich war orthodox, er ein Muslim. Als wir uns kennenlernten, war mein Glaube kalt. Ich sah nur Heuchelei und Scheinheiligkeit in den Kirchen. Ich habe Gott in meiner Seele nicht vernommen. Für einen Menschen wie mich war das unmöglich. Wenn ich Gott in meinem Leben nicht spüre, habe ich das Gefühl, dass ich nicht lebe, sondern allmählich sterbe, dass das Leben keinen Sinn hat. Fatih war einfach ein guter Freund. Er war sechzehn Jahre alt, sah aber älter aus und seinem Verhalten und Denken nach hätte ich ihm mindestens zwanzig Jahre gegeben. Er täuschte mich, als er sagte, dass er siebzehn war. Als ich bemerkte, dass sich in ihm allmählich Gefühle für mich regten, sagte ich, dass wir uns nicht weiter treffen sollten, da Beziehungen zwischen uns unmöglich seien. Ein halbes Jahr haben wir uns nicht gesehen. Ich entfernte mich weiter von der Kirche…

Ich erinnerte mich die ganze Zeit an Fatih und vermisste ihn. Einmal, nach einem halben Jahr, trafen wir uns zufällig auf der Straße, grüßten uns aber nicht. Dann aber riefen wir uns zusammen und beschlossen, uns zu treffen. Nach unserer Begegnung wurde mir klar, dass ich (außer meiner Mutter natürlich) noch keinen Menschen auf dieser Erde getroffen hatte, der mir innerlich so nahestand. Ich erfuhr, dass er sehr krank war und die Ärzte ihm mit Mühe das Leben gerettet hatten. Ich war entsetzt, als ich mir vorstellte, ich könnte diesen Mann nicht mehr sehen, der mir ganz und gar seelenverwandt erschien. Ich wollte keine engeren Beziehungen zu ihm, weil ich ihn nicht als Mann wahrnahm (im Gegenteil, es wäre mir merkwürdig vorgekommen, dass so etwas zwischen uns hätte passieren können). Aber er sagte, dass sein Verhältnis zu mir nicht ebenso sein könne, und daraufhin war ich bereit, seine Freundin zu werden. Am Tag darauf kam er ins Krankenhaus, weil seine Krankheit wieder aufbrach, und ich besuchte ihn zwei Wochen lang täglich, wodurch ich allen seinen Verwandten begegnete. Das war von seiner Seite aus wohl kaum geplant, da er nicht wusste, wie seine Familie auf eine Erscheinung wie die einer ausländischen und nichtmuslimischen Freundin reagieren würde. Im Allgemeinen mochten sie mich, weil ich schüchtern war und nicht wusste, was ich sagen sollte, und deshalb in ihrer Gegenwart immer stiller wurde. Als man in unserer Kirchengemeinde von unserer Beziehung erfuhr, herrschte stilles Entsetzen. Unser orthodoxes Volk versuchte mir zu helfen, aber es drängte mich immer mehr zum Islam…

Im Christentum kann ich nichts finden, ich höre Gott nicht, ich kann nicht zu Ihm durchdringen. Und Fatih garantiert mir, dass der Islam auch eine richtige Religion ist (woran ich kaum zweifelte). Auf der Straße sah ich ständig Musliminnen, und ihre Gesichter erschienen mir (innerlich) so rein, und der Hidschab (muslimische Kleidung) gefiel mir auch sehr, ich wollte mich auch gerne so kleiden.

Ich habe viel über den Islam gelesen und fasste den Entschluss, dass es sich lohnt zu versuchen, einmal vom anderen Ende her bei Gott anzuklopfen. Ich schob die Vorstellung von Christus als Gott in einen entfernten Winkel des Herzens uns sprach die Schahada aus, wonach ich ein volles Reinigungsbad nahm und begann, das vorher auswendig gelernte Namaz zu verrichten. Ich habe auch sofort ein Kopftuch angezogen und den Namen geändert…

Bald darauf haben wir nach muslimischem Brauch geheitratet. Der Islam hat mir nicht das Erwartete gebracht. Ich habe nichts gefühlt. Ich versuchte, zu Gott zu gelangen, aber er hat mir einfach nicht geantwortet, nicht einmal durch irgendein Zeichen. Nur in der Bibel, die ich manchmal aufschlug, wie es gerade kam, las ich plötzlich Antworten auf meine Fragen. Das Namaz einzuhalten, war sehr schwer. Fünfmal am Tag ein und dieselben Suren aus dem Koran auf in arabischer Sprache zu wiederholen, was für einen Sinn hat das? Ist das denn Gebet? Es schien nicht den geringsten Sinn zu haben. Das hatte gar nichts mit dem christlichen Gebet gemein, wo man im Geist beten konnte, mit dem ganzen Herzen, mit den Worten schon verfasster Gebete oder mit seinen eigenen Worten. Im Islam gibt es nur das Du’a, d.h. persönliche Bitten, die man Gott in seiner Muttersprache vortragen kann. In diesen Gebeten habe ich Gott oftmals gebeten, mir den wahren Weg zu weisen. Welchen Sinn hat es denn, im Ramadan zu fasten, wenn du dann abends soviel isst, dass dir schlecht wird, und du tagsüber so schwach bist, dass du nichts tun kannst? Und von den Frauen wird noch verlangt, dass sie die Speisen für das Fastenbrechen zubereiten.

Für mich war der Umstand erdrückend, dass du ohne die Gemeinschaft niemand bist, und sich von der Gemeinschaft abzusondern als eine riesige Sünde gilt. Und wie konnte ich mich in eine Gesellschaft einbringen, in der ausschließlich Türkisch gesprochen wird? Es ging auch nicht nur darum, ich war einfach seit Kindheit an Selbstständigkeit gewöhnt. Die Familie von Fatih war nicht sehr gläubig. Es war überhaupt eine recht problematische Familie. Der Vater war spielsüchtig, die Mutter psychisch krank, d.h. alle familiären Probleme musste man einfach hinunterschlucken, denn Streitigkeiten aus den eigenen vier Wänden hinauszutragen, ist ja auch eine Sünde. (Wenn dich dein Mann oder deine Schwiegermutter schlägt, dann darfst du als Muslimin davon niemandem erzählen). Und sie hatte es sehr schwer in der Familie ihres Mannes, weil ihre Schwiegereltern sie nicht mochten und ihr Mann sie darüber hinaus auch noch schlug, er verprügelte sie ordentlich. Fünfzehn Jahre Leben in Deutschland hatten ihr nicht gereicht, um Deutsch zu sprechen. Sieben Jahre war sie in die Schule gegangen. Viele europäische Frauen wundern sich: Warum verlassen die Türkinnen ihre Männer nicht, die sie schlagen? Aufgrund dessen, dass die Gesellschaft gemeinschaftlich gebaut ist, können sie ohne ihre Familie einfach nicht leben. Lieber recht und schlecht, dafür aber eine Familie. Ihre Individualität ist fast bei Punkt null. Sie hängen alle von der Gesellschaft ab, von der Meinung dieser Gesellschaft und von ihrer Entscheidung. Letzteres war für mich unerträglich. Wenn alle ins Freie fahren wollen und du möchtest nicht, so musst du doch fahren. Sonst achtet man dich einfach nicht. Wenn alle sitzen und essen und du nicht, dann bist du eine Ausgestoßene. Fatih hatte noch einen älteren Bruder (Mehmet), einen jüngeren (Ilker) und eine jüngere Schwester (Nergiz). Der ältere Bruder war der Liebling, Fatih war schon weniger geliebt, weil er nicht der Erstgeborene war, Ilker war von früher Jugend an krankhaft dick, Nergiz ein sehr zurückhaltendes, dickes und buckliges Mädchen, die aus irgendeinem Grund schon mit zwölf Jahren ein Kopftuch trug. Dadurch schnitt sie sich irgendwie noch mehr von der Welt ab, und damit von einer normalen Entwicklung ihrer Individualität. Sie hatte keine Freundinnen und saß nach der Schule im Wohnzimmer und sah türkisches Fernsehen.

Mir widerstrebte die für mich ungewohnte Hierarchie: Als ich zu Besuch kam (das war noch vor meinem Übertritt zum Islam, denn danach war ich schon die „ihre“, mit allen Verpflichtungen), fragte Fatih, ob ich Mineralwasser möchte. Wenn ich „ja“ antwortete, sagte er es Ilker, und Ilker schickte Nergiz. So machten es auch die Eltern. Wenn sie Fatih baten, etwas zu tun, dann bat jener Ilker und der wiederum Nergiz (genauer gesagt bat er nicht, sondern bestellte, denn in ihrem Wortschatz gab es das Wort „bitte“ nicht). Das Ergebnis war, dass die Jungen als Faulpelze heranwuchsen. Als ich auftauchte, musste ich vieles selber tun, denn ich brachte es nicht übers Herz, Bitten an die arme Nergiz weiterzureichen. Ich muss dazu sagen, dass meine Beziehungen mit Fatih im Großen und Ganzen nicht besonders einfach waren.

Nachdem ich zum Islam übergetreten war, hatte ich oft hysterische Anfälle, und zerkratzte mir dabei Gesicht und Hände, womit ich versuchte, den seelischen Schmerz durch den körperlichen zu betäuben. Woher kam der Schmerz? Wahrscheinlich von dem Abgrund, der sich zwischen mir und Gott aufgetan hatte. Fatih versuchte mich vollständig zu kontrollieren, einfach aus der Angst heraus, dass mir etwas zustoßen könnte, aus der Angst mich zu verlieren. Er zwang mich dazu, Dinge zu tun, die in seinen Augen meinem neuen Status entsprachen. Ich musste mehrmals in der Woche zu ihm nach Hause fahren und seiner Mutter helfen, mit der ich keine gemeinsame Sprache hatte. Sie sprach nur Türkisch. Ich musste in die Medrese[2] gehen, wo es für mich unerträglich langweilig war, denn Frauen hatten dort nur Unterricht in Hauswirtschaft, wobei sie in ihren Kopftüchern und langärmligen Kitteln schwitzten… Die Frauen schliefen sogar in Kopftüchern.

Ich sollte soviel Zeit wie möglich im Kreis der Familie verbringen. Dabei unterhielt sich Fatih mit ihnen auf Türkisch, und ich saß wie ein Klotz da, da ich nichts verstand und mich langweilte, denn ich war es nicht gewohnt, meinen Verstand nicht mit etwas Nützlichem zu betätigen, und wenn es nur ein Buch ist. Er hat mir fast nicht erlaubt etwas zu lesen, außer den Büchern von Said Nursi[3] (dem Begründer dieser Richtung des Islam) und dem Koran, aber nur auf Arabisch. Ich war aber von Kindheit an gewohnt viel zu lesen, und nur selten waren das Bücher, die der Seele nicht zuträglich waren. Ich las keine Kriminalromane und sonstigen Romane, aber Fatih verbat mir auch Psychologie, allgemeinbildende und klassische Literatur. Ich hatte kein Recht, ohne seine Erlaubnis irgendwo hinzugehen. An sich wäre das nicht so schlimm gewesen, wenn er wenigstens hier und da etwas erlaubt hätte. Fast alles, worum ich ihn fragte, verbat er mir. Ich fing schon an, Dinge heimlich zu tun, einfach deshalb, weil die Verbote überwogen. So beschäftigte ich mich insgeheim mit russischer Literatur, las die Klassiker. Mit der türkischen Sprache ging es mir zwar nicht gerade schlecht, aber wegen der schwer zu ertragenden seelischen Unausgeglichenheit und dem ständigen Angstzustand vor dem Zorn Fatihs fand ich keine Kraft, systematisch Türkisch zu lernen. In seiner Familie bin ich doch fremd geblieben, weil ich die Sprache nicht beherrschte und die Kultur selbst nicht verstehen konnte. Wie kann man so oft uns ausgiebig sitzen und plaudern, ohne dabei irgendetwas zu tun?

Die Rückständigkeit des individuellen Denkens und des Denkens als solchem haben mich bestürzt. In der Regel war die männliche Gesellschaft von der weiblichen getrennt, und dann hatte ich nicht einmal die Möglichkeit, Fatih zu fragen, worum es im Gespräch ging. Fatih fürchtete meine hysterischen Anfälle sehr und wusste manchmal einfach nicht, was er mit mir tun sollte. Wie sich später herausstellte, lebte er, der Ärmste, ebenfalls ständig in der Angst, dass ich seinetwegen die Beherrschung verliere. Er verfügte über eine gute Intuition und spürte, dass ich nicht ganz aufrichtig vor ihm war und ihm nicht voll vertraute. Er hatte oft Alpträume, dass ich mir das Kopftuch abnehme und ausschweifend lebe. Und so waren unsere Beziehungen voller Ängste und Kränkungen. Auch vor der Verlobung war alles sehr qualvoll, weil es für uns unabdingbar war zu erfahren, worauf wir uns einlassen und mehr über unsere Rechte und Verpflichtungen in unserer Ehe zu erfahren. Eben damit fing auch alles an. Er versuchte mich zu überzeugen, dass ich als Frau dazu verpflichtet bin, vom Mann geführt zu werden (besonders im geistlichen Aspekt), was allein dadurch zu regeln sei, dass ich als Frau kein Recht habe, selbstständig Entscheidungen zu treffen. Er sagte, dass Mann und Frau nicht gleich sind, und wies dabei ständig darauf hin, dass die Frau nicht schlechter sei als der Mann. Ich antwortete darauf, dass er mit mir umgeht, wie mit einem kleinen Kind. Ich kann keine einzige Entscheidung fällen. Alles wird für mich entschieden. Ich behauptete, dass es für meine geistige Entwicklung erforderlich sei, selbst auf die Suche zu gehen und zu wachsen.

Wir nahmen ein Buch über die muslimische Ehe zur Hand, und es kamen interessante Dinge zum Vorschein. Es stellte sich heraus, dass er das Recht hat, mich leicht zu schlagen, wenn ich mich ihm nicht unterwerfe. Ein Recht auf Ehescheidung hatte ich auch nicht, von einigen Ausnahmen abgesehen (seine Unfähigkeit zur ehelichen Vereinigung, Glaubensabfall oder wenn er sich eine zweite Frau nimmt). In dieser Zeit stand Christus vor den Türen und klopfte an mein Herz, das anfing zu zerbrechen, als es das spürte. Sollte ich Christus öffnen oder die Tür geschlossen halten, damit Fatih nicht weglief? So kam es, dass ich an unserem Verlobungstag, immer noch voll innerer Zweifel, auf die Broschüre „Frau und Christin“ in Mamas Bücherregal aufmerksam wurde. Nachdem ich sie durchgelesen hatte, war ich von solcher Freude erfüllt, dass ich eine Frau bin! Frau zu sein und Christ, was für eine hohe Berufung, was für eine hohe Rolle die Frau einnimmt! Denn Christus hat in der Jungfrau Maria Fleisch angenommen. Durch eine Frau ist die Rettung in die Welt gekommen! Ach, so ist es ja in Wirklichkeit. Ich erblickte die Unterordnung unter das Haupt der Familie in einem ganz anderen Licht. Weil es im Christentum den Begriff der Demut gibt… Das Lesen dieser Schrift gab mir den Mut, dennoch mit Fatih die Ehe zu schließen. Die Verlobungsfeier war bescheiden. Meine Eltern waren nicht zugegen. Noch ein Wort über sie. Mama ertrug diese ganze Zeit hindurch geduldig meine Leiden, und Papa verlor in mir die Tochter. Erst als ich wieder zu Christus zurückgekehrt war, sagte er, dass es ihm vorgekommen sei, als ob ich einige Jahre weggewesen wäre. Dann kam ich zurück. Er hat sehr viel durchgemacht. Wir lebten nicht zusammen, ich weiß nicht einmal warum. Es hat sich einfach so gefügt. Aber ich habe wieder angefangen, christliche Bücher zu lesen, u.a. die Seite „Orthodoxie und Islam“[4]. Ich fing an, umzudenken.

Dann schlug ich Fatih vor, zu uns zu ziehen. Wir lebten ungefähr einen Monat zusammen. Das war eine sehr schwere Zeit. Ich saß bei Mama (sie lebt nebenan) und fürchtete die Ankunft Fatihs, denn er wollte, dass ich zuhause säße. Fath fürchtete seinerseits, nach Hause in diese Atmosphäre von Furcht und Ruhelosigkeit zurückzukehren. Ich sprach mit einem Priester. Er riet dazu, Fatih nach und nach verstehen zu lassen, dass ich keine Muslimin sein kann. Ich holte weit aus. Bald fuhr Fatih für zwei Monate in die Türkei. Während seiner Abwesenheit schöpfte ich Freiheit und verstand, dass ich nicht mehr so weiterkann. Wir kommunizierten übers Internet und ich sagte immer klarer, dass der Islam möglicherweise nicht mein Weg ist. Er überredete mich, in die Türkei zu kommen. Dort stritten wir häufig, und ich begriff mehr und mehr, dass es nicht so weiter gehen kann. Fatih beschuldigte mich vieler Fehler, und ich stimmte ihm zu. Ich sah wirklich meine Mangelhaftigkeit und Sündigkeit, meinen Egoismus und meine Selbstliebe, und vieles andere. Aber wie sollte ich das korrigieren? Im Islam gab es doch keine Antwort darauf! Im Islam wird gesagt, was man tun soll, aber es wird nicht gesagt, was man tun kann, wenn es nicht klappt. Christus ist aber auf die Erde gekommen und hat unsere Sünden auf sich genommen. Und wenn wir nur zu Ihm umkehren und zu Ihm beten, dass Er unsere Sünden ausreißt, wenn wir Sein Blut zu uns nehmen, das uns reinigt, und Seinen allerreinsten Leib, dann ereignet sich allmählich eine Verwandlung.

Was bringt es mir denn, wenn man mir sagt „tu das“ oder „tu das nicht“.  Ich bin schwach. Eines Tages, sagte ich nach einer der üblichen Streitereien zu Fatih, dass ich keinen anderen Ausweg sehe, als Christ zu werden. Ich kann mich im Islam nicht zum Besseren hin ändern, und er möchte doch, dass ich das tue. Seitdem sind wir damit befasst, uns zu trennen. Zuerst gab er mir eine Bedenkzeit, ob das denn wirklich das sei, was ich wolle. Ich flog nach Deutschland, und einige Tage später kam auch er mit dem Flugzeug an. Er kam nicht zu mir, sondern ging zu seinen Eltern und lebte wieder bei ihnen. Und ich stellte in dieser Zeit eine Ikone in der Wohnung auf und schaffte ein paar orthodoxe Bücher an. Als er zu mir kam, fragte er, was ich entschieden hätte. Die Antwort sah er in Gestalt der Ikone. Er ist sofort weggefahren. Sagte, dass er die Sachen später holen wolle. Ich sagte, dass ich nicht könne, weil heute ein großes Fest sei. Da kam er einfach in die Kirche. In einer solchen Erregung hatte ich ihn noch nie gesehen. Er zwang mich, mit ihm zu fahren. Er sagte mir ungefähr folgendes: „Ich habe bei Leuten, die sich auskennen, erfahren, dass ich kein Recht habe, mit dir verheiratet zu sein, wenn du Christin bist, denn nach dem Schariat ist das verboten (gemeint war mein Glaubensabfall). Werde Muslimin, oder wir trennen uns auf immer. Und jetzt ist dein Leben nichts mehr wert, jedem Muslim ist es befohlen, dich zu töten“.

An jenem Abend gab ich seinem Zureden noch mehrmals nach. Ich versuchte Fatih zu überzeugen, dass ich werde Christin noch Muslimin bin, sondern noch nicht wisse, woran ich glaube. Ich befand mich sozusagen zwischen zwei Religionen. Sicherlich war das nur eine Fortsetzung meines Verrats an Christus. Fatih konnte sich nicht auf immer von mir trennen, und so stritten wir mal, mal versöhnten wir uns. Alles machte er mir zum Vorwurf, er schimpfte mich dafür, dass ich ihm das Unmögliche zum Opfer gebracht habe (meinen Glauben). Jedes Mal machte er für immer mit mir Schluss und jedes Mal kehrte er wieder zurück. Und ich wuchs in dieser Zeit immer mehr in die Kirche hinein, beichtete und kommunizierte immer öfter. Hinsichtlich dessen, dass er nach dem Schariat kein Recht habe, mit mir verheiratet zu sein, sagte er, dass sich das als Falschinformation herausgestellt habe und dass er mich weiterhin als seine Frau ansehe. Ich war mittlerweile völlig ruhig geworden. Meine hysterischen Anfälle hatten sich sofort gelegt, nachdem ich beschlossen hatte, den Islam zu verlassen, obwohl diese Lage im Grunde seelisches Ungleichgewicht hätte hervorrufen müssen. Unsere Beziehungen gerieten in eine Sackgasse, und wir wussten das. Aber wir fanden keine Kraft in uns, auseinanderzugehen. Wir feierten das dritte Jahr unseres Verhältnisses, und erfuhren bald darauf, dass unsere Ehe ungültig ist, weil sie automatisch beim Glaubensabfall eines der Ehegatten annulliert wird. Und so trennten wir uns nun schon zum zweiten Mal. Früher war das nur Fatih, nun aber war ich entschlossen ihm zu helfen, weil ich einsah, dass das egoistisch ist – ihn bei sich zu halten, obwohl unsere Beziehungen für ihn Sünde sind. Und ich versuchte, ihn zu verlassen, aber es gelang nicht. All das war sehr schwer, er spürte etwas in mir, weswegen er mich nicht vergessen konnte. Es war für ihn schon unerträglich, wenn wir uns nur eine Woche lang nicht sahen. Das waren nicht nur drei Jahre enger Beziehungen. Ich bin mir sicher, dass er die Gnade der heiligen Kommunion spürte.

Und wie oft hat mir der Herr in meinen Gebeten für ihn mit den Worten des Evangeliums geantwortet: „Und um was ihr den Vater in Meinem Namen bitten werdet, das werde Ich tun, damit der Vater im Sohn verherrlicht werde“ (Joh 14,13) und „alles, was ihr voll Glauben im Gebet erbittet, werdet ihr empfangen“ (Mt 21,22). Ich weiß, dass der Herr auch ihn liebt, und wenn Er ihn liebt, wünscht Er ihm selbstverständlich auch die Rettung. Seitdem ich für ihn bete, scheint er noch mehr zu leiden. Andauernd werden ihm irgendwelche teuren Dinge gestohlen, oder er verliert sie (darunter das Telefon und das Motorrad), er bittet mich für ihn zu beten. Und ich bete und glaube an die Barmherzigkeit Gottes, und ebenso an die Intuition Fatihs. Früher oder später muss er spüren, und dann auch verstehen, wo die Wahrheit ist, und wo die Lüge. Wo das Erbarmen Gottes und die Gnade ist, und wo die Kälte der Vorschriften des Schariats und die schwarz-weiße Weltsicht.

Und bei all dem habe ich doch keinen Menschen, der mir näher ist, wir verstehen einander ohne Worte, trotz allem. Jetzt, da ich mit der Kirche lebe, so gut ich kann, da ich die Liebe Christi neu erkannt habe, die bis zum Tod geht, die Liebe zu mir, der letzten Verräterin, habe ich auch vieles im Islam verstanden. Jetzt weiß ich, dass in der sichtbaren Reinheit der Gesichter gläubiger Musliminnen Leere ist. Einmal, als ich im Büchlein von Said Nursi „Die Wunder Mohammeds“ las, fiel mir eine gewisse Geistlosigkeit dieser Wunder auf. Zum Beispiel wird dort erwähnt, dass der Prophet einmal auf Toilette musste, und dass die Natur ihn gleichsam derart abschirmte, dass niemand der Leute davon erfuhr. Auch die Tatsache, dass sich viele der Wunder während des Kriegszugs gegen die Ungläubigen ereigneten, erschütterte mich. Sind etwa allein Wunder wichtig? Der Prophet vollbrachte irgendwelche Wunder und tötete dabei einen Ungläubigen nach dem anderen, ohne das Leben der Menschen zu schonen, das doch heilig ist! Dagegen bekehrten sich während der ersten Predigt des Apostels Petrus 3000 Menschen ohne irgendwelche Gewalt durch eine einzige Waffe – das Wort, das vom Heiligen Geist erfüllt war. Während christliche Märtyrer den Glauben mit ihrem eigenen Tod bezeugten, so die Muslime dadurch, dass sie andere töteten. Ist etwa hier der Geist Gottes, der Geist der Gnade? Wenn im Koran geschrieben steht: „Die Unzüchtige und den Unzüchtigen, peitscht jeden von beiden mit hundert Hieben aus. Und euch soll kein Mitleid erfassen angesichts dieser Anordnung Allahs, so ihr an Allah glaubt und an den Jüngsten Tag. Und eine Anzahl Gläubige soll Zeuge ihrer Strafe sein“ (Koran, Sure 24:2), so steht im Evangelium genau das Entgegengesetzte: Und „sie brachten eine Frau herbei, die beim Ehebruch ertappt worden war…“. Er aber „sprach zu ihnen: Wer von euch ohne Sünde ist, werfe als erster einen Stein auf sie“ (Joh 8,3-7). Und nachdem alle, in ihrem Gewissen überführt, auseinandergegangen waren, sprach Er: „Auch Ich verurteile dich nicht. Geh und sündige von jetzt an nicht mehr“ (Joh 8,11). Vieles dieser Art lässt sich finden, wenn man den Koran und das Evangelium liest.

Gott sei die Ehre für Seine Barmherzigkeit zu uns Sündern. Auch ich bin eine von ihnen, und spüre jeden Tag Seine Liebe zu mir. Es schenke Euch allen Gott die vollkommene Freude!

[1] Original russisch: https://mission-center.com/islams/liza.htm

[2] Eine islamische Lehreinrichtung, die in etwa eine Rolle zwischen Schule und muslimischem theologischen Seminar einnimmt.

[3] Said Nursi (1876-1960) – türkischer muslimischer Theologe kurdischer Abstammung, Ausleger des Koran.

[4] Eine russische Internetseite