Mission

Vom Christentum zum Islam

Beschreibung der Wirklichkeit aus der Perspektive einer Frau

(Elisabet B., Christus stand vor den Türen und klopfte an mein Herz…[1])

Ich lebe mit meinen Eltern in Deutschland, seit ich fünfzehn bin. Ich war neunzehn Jahre alt, als ich Fatih traf. Es stellte sich heraus, dass er der einzige junge Mann war, der meine Ansichten über diese Welt, über Gott, wirklich teilte. Ich war orthodox, er ein Muslim. Als wir uns kennenlernten, war mein Glaube kalt. Ich sah nur Heuchelei und Scheinheiligkeit in den Kirchen. Ich habe Gott in meiner Seele nicht vernommen. Für einen Menschen wie mich war das unmöglich. Wenn ich Gott in meinem Leben nicht spüre, habe ich das Gefühl, dass ich nicht lebe, sondern allmählich sterbe, dass das Leben keinen Sinn hat. Fatih war einfach ein guter Freund. Er war sechzehn Jahre alt, sah aber älter aus und seinem Verhalten und Denken nach hätte ich ihm mindestens zwanzig Jahre gegeben. Er täuschte mich, als er sagte, dass er siebzehn war. Als ich bemerkte, dass sich in ihm allmählich Gefühle für mich regten, sagte ich, dass wir uns nicht weiter treffen sollten, da Beziehungen zwischen uns unmöglich seien. Ein halbes Jahr haben wir uns nicht gesehen. Ich entfernte mich weiter von der Kirche…

Ich erinnerte mich die ganze Zeit an Fatih und vermisste ihn. Einmal, nach einem halben Jahr, trafen wir uns zufällig auf der Straße, grüßten uns aber nicht. Dann aber riefen wir uns zusammen und beschlossen, uns zu treffen. Nach unserer Begegnung wurde mir klar, dass ich (außer meiner Mutter natürlich) noch keinen Menschen auf dieser Erde getroffen hatte, der mir innerlich so nahestand. Ich erfuhr, dass er sehr krank war und die Ärzte ihm mit Mühe das Leben gerettet hatten. Ich war entsetzt, als ich mir vorstellte, ich könnte diesen Mann nicht mehr sehen, der mir ganz und gar seelenverwandt erschien. Ich wollte keine engeren Beziehungen zu ihm, weil ich ihn nicht als Mann wahrnahm (im Gegenteil, es wäre mir merkwürdig vorgekommen, dass so etwas zwischen uns hätte passieren können). Aber er sagte, dass sein Verhältnis zu mir nicht ebenso sein könne, und daraufhin war ich bereit, seine Freundin zu werden. Am Tag darauf kam er ins Krankenhaus, weil seine Krankheit wieder aufbrach, und ich besuchte ihn zwei Wochen lang täglich, wodurch ich allen seinen Verwandten begegnete. Das war von seiner Seite aus wohl kaum geplant, da er nicht wusste, wie seine Familie auf eine Erscheinung wie die einer ausländischen und nichtmuslimischen Freundin reagieren würde. Im Allgemeinen mochten sie mich, weil ich schüchtern war und nicht wusste, was ich sagen sollte, und deshalb in ihrer Gegenwart immer stiller wurde. Als man in unserer Kirchengemeinde von unserer Beziehung erfuhr, herrschte stilles Entsetzen. Unser orthodoxes Volk versuchte mir zu helfen, aber es drängte mich immer mehr zum Islam…

Im Christentum kann ich nichts finden, ich höre Gott nicht, ich kann nicht zu Ihm durchdringen. Und Fatih garantiert mir, dass der Islam auch eine richtige Religion ist (woran ich kaum zweifelte). Auf der Straße sah ich ständig Musliminnen, und ihre Gesichter erschienen mir (innerlich) so rein, und der Hidschab (muslimische Kleidung) gefiel mir auch sehr, ich wollte mich auch gerne so kleiden.

Ich habe viel über den Islam gelesen und fasste den Entschluss, dass es sich lohnt zu versuchen, einmal vom anderen Ende her bei Gott anzuklopfen. Ich schob die Vorstellung von Christus als Gott in einen entfernten Winkel des Herzens uns sprach die Schahada aus, wonach ich ein volles Reinigungsbad nahm und begann, das vorher auswendig gelernte Namaz zu verrichten. Ich habe auch sofort ein Kopftuch angezogen und den Namen geändert…

Bald darauf haben wir nach muslimischem Brauch geheitratet. Der Islam hat mir nicht das Erwartete gebracht. Ich habe nichts gefühlt. Ich versuchte, zu Gott zu gelangen, aber er hat mir einfach nicht geantwortet, nicht einmal durch irgendein Zeichen. Nur in der Bibel, die ich manchmal aufschlug, wie es gerade kam, las ich plötzlich Antworten auf meine Fragen. Das Namaz einzuhalten, war sehr schwer. Fünfmal am Tag ein und dieselben Suren aus dem Koran auf in arabischer Sprache zu wiederholen, was für einen Sinn hat das? Ist das denn Gebet? Es schien nicht den geringsten Sinn zu haben. Das hatte gar nichts mit dem christlichen Gebet gemein, wo man im Geist beten konnte, mit dem ganzen Herzen, mit den Worten schon verfasster Gebete oder mit seinen eigenen Worten. Im Islam gibt es nur das Du’a, d.h. persönliche Bitten, die man Gott in seiner Muttersprache vortragen kann. In diesen Gebeten habe ich Gott oftmals gebeten, mir den wahren Weg zu weisen. Welchen Sinn hat es denn, im Ramadan zu fasten, wenn du dann abends soviel isst, dass dir schlecht wird, und du tagsüber so schwach bist, dass du nichts tun kannst? Und von den Frauen wird noch verlangt, dass sie die Speisen für das Fastenbrechen zubereiten.

Für mich war der Umstand erdrückend, dass du ohne die Gemeinschaft niemand bist, und sich von der Gemeinschaft abzusondern als eine riesige Sünde gilt. Und wie konnte ich mich in eine Gesellschaft einbringen, in der ausschließlich Türkisch gesprochen wird? Es ging auch nicht nur darum, ich war einfach seit Kindheit an Selbstständigkeit gewöhnt. Die Familie von Fatih war nicht sehr gläubig. Es war überhaupt eine recht problematische Familie. Der Vater war spielsüchtig, die Mutter psychisch krank, d.h. alle familiären Probleme musste man einfach hinunterschlucken, denn Streitigkeiten aus den eigenen vier Wänden hinauszutragen, ist ja auch eine Sünde. (Wenn dich dein Mann oder deine Schwiegermutter schlägt, dann darfst du als Muslimin davon niemandem erzählen). Und sie hatte es sehr schwer in der Familie ihres Mannes, weil ihre Schwiegereltern sie nicht mochten und ihr Mann sie darüber hinaus auch noch schlug, er verprügelte sie ordentlich. Fünfzehn Jahre Leben in Deutschland hatten ihr nicht gereicht, um Deutsch zu sprechen. Sieben Jahre war sie in die Schule gegangen. Viele europäische Frauen wundern sich: Warum verlassen die Türkinnen ihre Männer nicht, die sie schlagen? Aufgrund dessen, dass die Gesellschaft gemeinschaftlich gebaut ist, können sie ohne ihre Familie einfach nicht leben. Lieber recht und schlecht, dafür aber eine Familie. Ihre Individualität ist fast bei Punkt null. Sie hängen alle von der Gesellschaft ab, von der Meinung dieser Gesellschaft und von ihrer Entscheidung. Letzteres war für mich unerträglich. Wenn alle ins Freie fahren wollen und du möchtest nicht, so musst du doch fahren. Sonst achtet man dich einfach nicht. Wenn alle sitzen und essen und du nicht, dann bist du eine Ausgestoßene. Fatih hatte noch einen älteren Bruder (Mehmet), einen jüngeren (Ilker) und eine jüngere Schwester (Nergiz). Der ältere Bruder war der Liebling, Fatih war schon weniger geliebt, weil er nicht der Erstgeborene war, Ilker war von früher Jugend an krankhaft dick, Nergiz ein sehr zurückhaltendes, dickes und buckliges Mädchen, die aus irgendeinem Grund schon mit zwölf Jahren ein Kopftuch trug. Dadurch schnitt sie sich irgendwie noch mehr von der Welt ab, und damit von einer normalen Entwicklung ihrer Individualität. Sie hatte keine Freundinnen und saß nach der Schule im Wohnzimmer und sah türkisches Fernsehen.

Mir widerstrebte die für mich ungewohnte Hierarchie: Als ich zu Besuch kam (das war noch vor meinem Übertritt zum Islam, denn danach war ich schon die „ihre“, mit allen Verpflichtungen), fragte Fatih, ob ich Mineralwasser möchte. Wenn ich „ja“ antwortete, sagte er es Ilker, und Ilker schickte Nergiz. So machten es auch die Eltern. Wenn sie Fatih baten, etwas zu tun, dann bat jener Ilker und der wiederum Nergiz (genauer gesagt bat er nicht, sondern bestellte, denn in ihrem Wortschatz gab es das Wort „bitte“ nicht). Das Ergebnis war, dass die Jungen als Faulpelze heranwuchsen. Als ich auftauchte, musste ich vieles selber tun, denn ich brachte es nicht übers Herz, Bitten an die arme Nergiz weiterzureichen. Ich muss dazu sagen, dass meine Beziehungen mit Fatih im Großen und Ganzen nicht besonders einfach waren.

Nachdem ich zum Islam übergetreten war, hatte ich oft hysterische Anfälle, und zerkratzte mir dabei Gesicht und Hände, womit ich versuchte, den seelischen Schmerz durch den körperlichen zu betäuben. Woher kam der Schmerz? Wahrscheinlich von dem Abgrund, der sich zwischen mir und Gott aufgetan hatte. Fatih versuchte mich vollständig zu kontrollieren, einfach aus der Angst heraus, dass mir etwas zustoßen könnte, aus der Angst mich zu verlieren. Er zwang mich dazu, Dinge zu tun, die in seinen Augen meinem neuen Status entsprachen. Ich musste mehrmals in der Woche zu ihm nach Hause fahren und seiner Mutter helfen, mit der ich keine gemeinsame Sprache hatte. Sie sprach nur Türkisch. Ich musste in die Medrese[2] gehen, wo es für mich unerträglich langweilig war, denn Frauen hatten dort nur Unterricht in Hauswirtschaft, wobei sie in ihren Kopftüchern und langärmligen Kitteln schwitzten… Die Frauen schliefen sogar in Kopftüchern.

Ich sollte soviel Zeit wie möglich im Kreis der Familie verbringen. Dabei unterhielt sich Fatih mit ihnen auf Türkisch, und ich saß wie ein Klotz da, da ich nichts verstand und mich langweilte, denn ich war es nicht gewohnt, meinen Verstand nicht mit etwas Nützlichem zu betätigen, und wenn es nur ein Buch ist. Er hat mir fast nicht erlaubt etwas zu lesen, außer den Büchern von Said Nursi[3] (dem Begründer dieser Richtung des Islam) und dem Koran, aber nur auf Arabisch. Ich war aber von Kindheit an gewohnt viel zu lesen, und nur selten waren das Bücher, die der Seele nicht zuträglich waren. Ich las keine Kriminalromane und sonstigen Romane, aber Fatih verbat mir auch Psychologie, allgemeinbildende und klassische Literatur. Ich hatte kein Recht, ohne seine Erlaubnis irgendwo hinzugehen. An sich wäre das nicht so schlimm gewesen, wenn er wenigstens hier und da etwas erlaubt hätte. Fast alles, worum ich ihn fragte, verbat er mir. Ich fing schon an, Dinge heimlich zu tun, einfach deshalb, weil die Verbote überwogen. So beschäftigte ich mich insgeheim mit russischer Literatur, las die Klassiker. Mit der türkischen Sprache ging es mir zwar nicht gerade schlecht, aber wegen der schwer zu ertragenden seelischen Unausgeglichenheit und dem ständigen Angstzustand vor dem Zorn Fatihs fand ich keine Kraft, systematisch Türkisch zu lernen. In seiner Familie bin ich doch fremd geblieben, weil ich die Sprache nicht beherrschte und die Kultur selbst nicht verstehen konnte. Wie kann man so oft uns ausgiebig sitzen und plaudern, ohne dabei irgendetwas zu tun?

Die Rückständigkeit des individuellen Denkens und des Denkens als solchem haben mich bestürzt. In der Regel war die männliche Gesellschaft von der weiblichen getrennt, und dann hatte ich nicht einmal die Möglichkeit, Fatih zu fragen, worum es im Gespräch ging. Fatih fürchtete meine hysterischen Anfälle sehr und wusste manchmal einfach nicht, was er mit mir tun sollte. Wie sich später herausstellte, lebte er, der Ärmste, ebenfalls ständig in der Angst, dass ich seinetwegen die Beherrschung verliere. Er verfügte über eine gute Intuition und spürte, dass ich nicht ganz aufrichtig vor ihm war und ihm nicht voll vertraute. Er hatte oft Alpträume, dass ich mir das Kopftuch abnehme und ausschweifend lebe. Und so waren unsere Beziehungen voller Ängste und Kränkungen. Auch vor der Verlobung war alles sehr qualvoll, weil es für uns unabdingbar war zu erfahren, worauf wir uns einlassen und mehr über unsere Rechte und Verpflichtungen in unserer Ehe zu erfahren. Eben damit fing auch alles an. Er versuchte mich zu überzeugen, dass ich als Frau dazu verpflichtet bin, vom Mann geführt zu werden (besonders im geistlichen Aspekt), was allein dadurch zu regeln sei, dass ich als Frau kein Recht habe, selbstständig Entscheidungen zu treffen. Er sagte, dass Mann und Frau nicht gleich sind, und wies dabei ständig darauf hin, dass die Frau nicht schlechter sei als der Mann. Ich antwortete darauf, dass er mit mir umgeht, wie mit einem kleinen Kind. Ich kann keine einzige Entscheidung fällen. Alles wird für mich entschieden. Ich behauptete, dass es für meine geistige Entwicklung erforderlich sei, selbst auf die Suche zu gehen und zu wachsen.

Wir nahmen ein Buch über die muslimische Ehe zur Hand, und es kamen interessante Dinge zum Vorschein. Es stellte sich heraus, dass er das Recht hat, mich leicht zu schlagen, wenn ich mich ihm nicht unterwerfe. Ein Recht auf Ehescheidung hatte ich auch nicht, von einigen Ausnahmen abgesehen (seine Unfähigkeit zur ehelichen Vereinigung, Glaubensabfall oder wenn er sich eine zweite Frau nimmt). In dieser Zeit stand Christus vor den Türen und KLOPFTE AN MEIN HERZ, das anfing zu zerbrechen, als es das spürte. Sollte ich Christus öffnen oder die Tür geschlossen halten, damit Fatih nicht weglief? So kam es, dass ich an unserem Verlobungstag, immer noch voll innerer Zweifel, auf die Broschüre „Frau und Christin“ in Mamas Bücherregal aufmerksam wurde. Nachdem ich sie durchgelesen hatte, war ich von solcher Freude erfüllt, dass ich eine Frau bin! Frau zu sein und Christ, was für eine hohe Berufung, was für eine hohe Rolle die Frau einnimmt! Denn Christus hat in der Jungfrau Maria Fleisch angenommen. Durch eine Frau ist die Rettung in die Welt gekommen! Ach, so ist es ja in Wirklichkeit. Ich erblickte die Unterordnung unter das Haupt der Familie in einem ganz anderen Licht. Weil es im Christentum den Begriff der Demut gibt… Das Lesen dieser Schrift gab mir den Mut, dennoch mit Fatih die Ehe zu schließen. Die Verlobungsfeier war bescheiden. Meine Eltern waren nicht zugegen. Noch ein Wort über sie. Mama ertrug diese ganze Zeit hindurch geduldig meine Leiden, und Papa verlor in mir die Tochter. Erst als ich wieder zu Christus zurückgekehrt war, sagte er, dass es ihm vorgekommen sei, als ob ich einige Jahre weggewesen wäre. Dann kam ich zurück. Er hat sehr viel durchgemacht. Wir lebten nicht zusammen, ich weiß nicht einmal warum. Es hat sich einfach so gefügt. Aber ich habe wieder angefangen, christliche Bücher zu lesen, u.a. die Seite „Orthodoxie und Islam“[4]. Ich fing an, umzudenken.

Dann schlug ich Fatih vor, zu uns zu ziehen. Wir lebten ungefähr einen Monat zusammen. Das war eine sehr schwere Zeit. Ich saß bei Mama (sie lebt nebenan) und fürchtete die Ankunft Fatihs, denn er wollte, dass ich zuhause säße. Fath fürchtete seinerseits, nach Hause in diese Atmosphäre von Furcht und Ruhelosigkeit zurückzukehren. Ich sprach mit einem Priester. Er riet dazu, Fatih nach und nach verstehen zu lassen, dass ich keine Muslimin sein kann. Ich holte weit aus. Bald fuhr Fatih für zwei Monate in die Türkei. Während seiner Abwesenheit schöpfte ich Freiheit und verstand, dass ich nicht mehr so weiterkann. Wir kommunizierten übers Internet und ich sagte immer klarer, dass der Islam möglicherweise nicht mein Weg ist. Er überredete mich, in die Türkei zu kommen. Dort stritten wir häufig, und ich begriff mehr und mehr, dass es nicht so weiter gehen kann. Fatih beschuldigte mich vieler Fehler, und ich stimmte ihm zu. Ich sah wirklich meine Mangelhaftigkeit und Sündigkeit, meinen Egoismus und meine Selbstliebe, und vieles andere. Aber wie sollte ich das korrigieren? Im Islam gab es doch keine Antwort darauf! Im Islam wird gesagt, was man tun soll, aber es wird nicht gesagt, was man tun kann, wenn es nicht klappt. Christus ist aber auf die Erde gekommen und hat unsere Sünden auf sich genommen. Und wenn wir nur zu Ihm umkehren und zu Ihm beten, dass Er unsere Sünden ausreißt, wenn wir Sein Blut zu uns nehmen, das uns reinigt, und Seinen allerreinsten Leib, dann ereignet sich allmählich eine Verwandlung.

Was bringt es mir denn, wenn man mir sagt „tu das“ oder „tu das nicht“.  Ich bin schwach. Eines Tages, sagte ich nach einer der üblichen Streitereien zu Fatih, dass ich keinen anderen Ausweg sehe, als Christ zu werden. Ich kann mich im Islam nicht zum Besseren hin ändern, und er möchte doch, dass ich das tue. Seitdem sind wir damit befasst, uns zu trennen. Zuerst gab er mir eine Bedenkzeit, ob das denn wirklich das sei, was ich wolle. Ich flog nach Deutschland, und einige Tage später kam auch er mit dem Flugzeug an. Er kam nicht zu mir, sondern ging zu seinen Eltern und lebte wieder bei ihnen. Und ich stellte in dieser Zeit eine Ikone in der Wohnung auf und schaffte ein paar orthodoxe Bücher an. Als er zu mir kam, fragte er, was ich entschieden hätte. Die Antwort sah er in Gestalt der Ikone. Er ist sofort weggefahren. Sagte, dass er die Sachen später holen wolle. Ich sagte, dass ich nicht könne, weil heute ein großes Fest sei. Da kam er einfach in die Kirche. In einer solchen Erregung hatte ich ihn noch nie gesehen. Er zwang mich, mit ihm zu fahren. Er sagte mir ungefähr folgendes: „Ich habe bei Leuten, die sich auskennen, erfahren, dass ich kein Recht habe, mit dir verheiratet zu sein, wenn du Christin bist, denn nach dem Schariat ist das verboten (gemeint war mein Glaubensabfall). Werde Muslimin, oder wir trennen uns auf immer. Und jetzt ist dein Leben nichts mehr wert, jedem Muslim ist es befohlen, dich zu töten“.

An jenem Abend gab ich seinem Zureden noch mehrmals nach. Ich versuchte Fatih zu überzeugen, dass ich werde Christin noch Muslimin bin, sondern noch nicht wisse, woran ich glaube. Ich befand mich sozusagen zwischen zwei Religionen. Sicherlich war das nur eine Fortsetzung meines Verrats an Christus. Fatih konnte sich nicht auf immer von mir trennen, und so stritten wir mal, mal versöhnten wir uns. Alles machte er mir zum Vorwurf, er schimpfte mich dafür, dass ich ihm das Unmögliche zum Opfer gebracht habe (meinen Glauben). Jedes Mal machte er für immer mit mir Schluss und jedes Mal kehrte er wieder zurück. Und ich wuchs in dieser Zeit immer mehr in die Kirche hinein, beichtete und kommunizierte immer öfter. Hinsichtlich dessen, dass er nach dem Schariat kein Recht habe, mit mir verheiratet zu sein, sagte er, dass sich das als Falschinformation herausgestellt habe und dass er mich weiterhin als seine Frau ansehe. Ich war mittlerweile völlig ruhig geworden. Meine hysterischen Anfälle hatten sich sofort gelegt, nachdem ich beschlossen hatte, den Islam zu verlassen, obwohl diese Lage im Grunde seelisches Ungleichgewicht hätte hervorrufen müssen. Unsere Beziehungen gerieten in eine Sackgasse, und wir wussten das. Aber wir fanden keine Kraft in uns, auseinanderzugehen. Wir feierten das dritte Jahr unseres Verhältnisses, und erfuhren bald darauf, dass unsere Ehe ungültig ist, weil sie automatisch beim Glaubensabfall eines der Ehegatten annulliert wird. Und so trennten wir uns nun schon zum zweiten Mal. Früher war das nur Fatih, nun aber war ich entschlossen ihm zu helfen, weil ich einsah, dass das egoistisch ist – ihn bei sich zu halten, obwohl unsere Beziehungen für ihn Sünde sind. Und ich versuchte, ihn zu verlassen, aber es gelang nicht. All das war sehr schwer, er spürte etwas in mir, weswegen er mich nicht vergessen konnte. Es war für ihn schon unerträglich, wenn wir uns nur eine Woche lang nicht sahen. Das waren nicht nur drei Jahre enger Beziehungen. Ich bin mir sicher, dass er die Gnade der heiligen Kommunion spürte.

Und wie oft hat mir der Herr in meinen Gebeten für ihn mit den Worten des Evangeliums geantwortet: „Und um was ihr den Vater in Meinem Namen bitten werdet, das werde Ich tun, damit der Vater im Sohn verherrlicht werde“ (Joh 14,13) und „alles, was ihr voll Glauben im Gebet erbittet, werdet ihr empfangen“ (Mt 21,22). Ich weiß, dass der Herr auch ihn liebt, und wenn Er ihn liebt, wünscht Er ihm selbstverständlich auch die Rettung. Seitdem ich für ihn bete, scheint er noch mehr zu leiden. Andauernd werden ihm irgendwelche teuren Dinge gestohlen, oder er verliert sie (darunter das Telefon und das Motorrad), er bittet mich für ihn zu beten. Und ich bete und glaube an die Barmherzigkeit Gottes, und ebenso an die Intuition Fatihs. Früher oder später muss er spüren, und dann auch verstehen, wo die Wahrheit ist, und wo die Lüge. Wo das Erbarmen Gottes und die Gnade ist, und wo die Kälte der Vorschriften des Schariats und die schwarz-weiße Weltsicht.

Und bei all dem habe ich doch keinen Menschen, der mir näher ist, wir verstehen einander ohne Worte, trotz allem. Jetzt, da ich mit der Kirche lebe, so gut ich kann, da ich die Liebe Christi neu erkannt habe, die bis zum Tod geht, die Liebe zu mir, der letzten Verräterin, habe ich auch vieles im Islam verstanden. Jetzt weiß ich, dass in der sichtbaren Reinheit der Gesichter gläubiger Musliminnen Leere ist. Einmal, als ich im Büchlein von Said Nursi „Die Wunder Mohammeds“ las, fiel mir eine gewisse Geistlosigkeit dieser Wunder auf. Zum Beispiel wird dort erwähnt, dass der Prophet einmal auf Toilette musste, und dass die Natur ihn gleichsam derart abschirmte, dass niemand der Leute davon erfuhr. Auch die Tatsache, dass sich viele der Wunder während des Kriegszugs gegen die Ungläubigen ereigneten, erschütterte mich. Sind etwa allein Wunder wichtig? Der Prophet vollbrachte irgendwelche Wunder und tötete dabei einen Ungläubigen nach dem anderen, ohne das Leben der Menschen zu schonen, das doch heilig ist! Dagegen bekehrten sich während der ersten Predigt des Apostels Petrus 3000 Menschen ohne irgendwelche Gewalt durch eine einzige Waffe – das Wort, das vom Heiligen Geist erfüllt war. Während christliche Märtyrer den Glauben mit ihrem eigenen Tod bezeugten, so die Muslime dadurch, dass sie andere töteten. Ist etwa hier der Geist Gottes, der Geist der Gnade? Wenn im Koran geschrieben steht: „Die Unzüchtige und den Unzüchtigen, peitscht jeden von beiden mit hundert Hieben aus. Und euch soll kein Mitleid erfassen angesichts dieser Anordnung Allahs, so ihr an Allah glaubt und an den Jüngsten Tag. Und eine Anzahl Gläubige soll Zeuge ihrer Strafe sein“ (Koran, Sure 24:2), so steht im Evangelium genau das Entgegengesetzte: Und „sie brachten eine Frau herbei, die beim Ehebruch ertappt worden war…“. Er aber „sprach zu ihnen: Wer von euch ohne Sünde ist, werfe als erster einen Stein auf sie“ (Joh 8,3-7). Und nachdem alle, in ihrem Gewissen überführt, auseinandergegangen waren, sprach Er: „Auch Ich verurteile dich nicht. Geh und sündige von jetzt an nicht mehr“ (Joh 8,11). Vieles dieser Art lässt sich finden, wenn man den Koran und das Evangelium liest.

Gott sei die Ehre für Seine Barmherzigkeit zu uns Sündern. Auch ich bin eine von ihnen, und spüre jeden Tag Seine Liebe zu mir. Es schenke Euch allen Gott die vollkommene Freude!

[1] Original russisch: https://mission-center.com/islams/liza.htm

[2] Eine islamische Lehreinrichtung, die in etwa eine Rolle zwischen Schule und muslimischem theologischen Seminar einnimmt.

[3] Said Nursi (1876-1960) – türkischer muslimischer Theologe kurdischer Abstammung, Ausleger des Koran.

[4] Eine russische Internetseite