Theologie

„Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir bin, sollen auch sie in uns sein, damit die Welt  glaubt dass du mich gesandt hast“ (Jo 17,21). Im Folgenden wird eine für die kirchliche Einheit verhängnisvolle Epoche aus orthodoxer Perspektive detailliert dargestellt: die Zeit der Karolinger. In seinem Buch „Der Kaiser und das Dogma“ (poln. „Cesarz i dogmat“) beschreibt der Autor, Bischof Warsonofius (Doroskiewitsch), ein bekannter Theologe der Polnisch-orthodoxen Kirche, die Schlüsselrolle Karls des Großen für das Auseinanderdriften von Ost- und Westkirche. Nur durch den unmittelbaren Eingriff des Kaisers in die christliche Dogmatik, ins Innerste der Glaubenslehre, konnte die Einheit zwischen Griechen und Lateinern zerbrechen, die mit der Kirchenspaltung von 1054 zur vollendeten Tatsache wurde. Dieses Werk von Bischof Warsonofius legt somit den Finger auf die Wunde der deutschen Kirchengeschichte, die letztlich nicht nur zur Entstehung des römischen Katholizismus geführt hat, sondern auch des Luthertums mit all seinen Verzweigungen.

Das über zweihundert Seiten umfassende Werk wird hier mit freundlicher Genehmigung des Autors – zur Zeit der Abfassung noch Archimandrit – erstmals in deutscher Sprache kapitelweise veröffentlicht, entsprechend dem Voranschreiten der Übersetzungsarbeiten.

Priester Thomas Diez

 

Archimandrit Warsonofiusz Doroszkiewicz


DER KAISER UND DAS DOGMA
Filioquistische Tendenzen im Kaiserreich Karls des Großen im 8.–9. Jahrhundert
Verlag der Universität Białystok (Polen), 2014

Vorwort

Dies ist meine persönliche Überzeugung: Jedes Mal,
wenn ich die ursprünglichen Tatsachen und
Dokumente der Kirche studierte, entdeckte ich etwas
völlig anderes als das,
was man mich zu glauben
gelehrt hatte.
P. Yves Congar1


In diesem Jahr sind 1700 Jahre seit der Verkündung des Mailänder Edikts
vergangen. Dank dieses Edikts erhielt das seit drei Jahrhunderten verfolgte
Christentum die Möglichkeit, im heidnischen Römischen Reich frei und ungehindert zu
wirken. Architekt dieses historischen Aktes war der römische Kaiser Konstantin der
Große, dem die Kirche posthum den Titel ισποστολος, d.h. Apostelgleicher verlieh.
Kurz vor diesen großen historischen Ereignissen hatte sich ein unerwarteter
Vorfall ereignet, der unmittelbar mit der Person Kaiser Konstantins verbunden war. Vor der Schlacht gegen Maxentius an der Milvischen Brücke im Jahr 312 erschien ihm am
Himmel ein Kreuz mit der Aufschrift: In hoc signo vinces – in diesem Zeichen wirst du
siegen. Von diesem Ereignis tief bewegt, erließ Konstantin im Jahr 313 in Mailand ein
religiöses Toleranzedikt für alle Religionen des Reiches2. Mit der Verkündung dieses
Dokuments endete die Zeit der Konfrontation zwischen dem verfolgten Christentum und dem heidnischen Römischen Reich. Das Christentum erhielt gleichberechtigt mit
den anderen Religionen des Imperiums den Status einer Religion, die geduldet wird. Dadurch erhielt es die Möglichkeit, sich innerhalb von siebzig Jahren den Weg zur Stellung einer privilegierten Religion zu bahnen. Kaiser Konstantin glaubte zutiefst, dass der neue
Glaube, der zum Sieg über die Feinde geführt hatte, den römischen Vielvölkerstaat heilen und festigen werde – nach dem Grundsatz: eine Religion, ein Kaiser, ein Reich. Leider erwies sich diese Annahme, wie wir aus der Geschichte wissen, als allzu
idealistisch, um in vollem Umfang Wirklichkeit werden zu können. Bald kam es neben den dogmatischen Streitigkeiten und Spaltungen auch zu ethnisch-politischen
Teilungen. Bereits im 5. Jahrhundert, zusammen mit der offiziellen Anerkennung des rechtgläubigen Christentums durch Kaiser Theodosius den Großen, beobachten wir Ansätze dafür, dass dogmatische Unterschiede im Osten für das in Gang kommen zentrifugaler ethnischer Tendenzen ausgenützt wurden. So verwandelten sich beispielsweise der Nestorianismus und der Monophysitismus, die ursprünglich einen rein dogmatischen Charakter besaßen, in ethnische Bewegungen, die sich schließlich vom Oströmischen Reich abspalteten – etwa die Äthiopier und die Armenier3. Im Westen hingegen war – natürlich abgesehen von der differentia specifica zwischen dem griechischen Osten und dem lateinischen Westen – die zentrale Frage der dogmatische Streit um das Filioque, der sich nicht als ein Problem zwischen den Patriarchaten von Konstantinopel und Rom darstellte, sondern zwischen den eindringenden Franken und allen Römern im Osten und im Westen4. Der Streit zwischen den Franken und den Weströmern wurde praktisch bereits seit dem 8. Jahrhundert geführt5. Wir kennen konkrete Fakten, die belegen, dass die Ursachen dieses Streits in der Verurteilung der Oströmer – von denen die meisten den östlichen Patriarchaten angehörten – durch Karl den Großen lagen. Der König der Franken sah in ihnen Häretiker – dazu verurteilt, lediglich „Griechen“ zu sein, also ein zweitrangiges Volk, schlechter als die Franken, welche sich durchaus bewusst waren, niemals echte römische Lateiner gewesen zu sein, sondern lediglich latinisierte Nachkommen germanisch-fränkischer Barbaren. Auch stellte ihre Begegnung mit der lateinischen Kultur und dem Christentum im 6. und 7. Jahrhundert eine erhebliche Herausforderung für sie dar. Als daher der Frankenkönig Karl der Große die
Oströmer zu „Griechen“ abstempelte, begann er zugleich, nach einem Vorwand für eine Auseinandersetzung zu suchen, die die Überlegenheit der fränkischen Rasse
gegenüber der griechischen6 beweisen sollte. Er fand diesen Vorwand in der Person des großen lateinischen Kirchenlehrers des Westens, des seligen Augustinus, den er als Schlüssel zur Lösung theologischer Fragen – insbesondere im
Zusammenhang mit dem 1. und 2. Ökumenischen Konzil – benutzte. Gestützt auf die
altrömische Maxime divide et impera – „teile und herrsche“ – förderten die Franken die filioquistische Theologie des seligen Augustinus und riefen so bewusst dogmatische Differenzen hervor, um sowohl die nationale als auch die kirchliche
Einheit des römischen Volkes zu untergraben und zu zerstören. Ihr Ziel war es, die unter ihrer barbarischen Herrschaft lebenden westlichen lateinischen Römer, die zu
jener Zeit noch in Kirchengemeinschaft mit Konstantinopel standen, ein für alle Mal von den Oströmern zu trennen7. Als Folge dieser Spaltungen entstanden zwei unterschiedliche christliche Zivilisationen: die östliche, die der alten eucharistischen
Ekklesiologie und der Idee der Konziliarität der Kirche treu blieb, und die westliche, die auf dem theologisch-philosophischen Denken des heiligen Augustinus, auf der
Scholastik sowie auf der Zentralisierung des gesamten kirchlichen Lebens um die
Person des Bischofs von Rom als Nachfolger des heiligen Petrus und Stellvertreter
Jesu Christi auf Erden beruhte. Aus der Geschichte wissen wir, dass der Zerfall des
Römischen Reiches in drei Phasen vonstatten ging: im 5. Jahrhundert durch fränkisch-
germanische Stämme, später durch die muslimischen Araber und schließlich durch die muslimischen Türken. Infolge der Invasion nördlicher Barbaren in die südwestlichen
Gebiete des Römischen Reiches verschwanden die westlichen römisch-orthodoxen
kirchlichen Strukturen allmählich aus dessen westeuropäischem Teil, d.h. sie wurden
von Karl dem Großen und seinen königlichen Nachkommen gewaltsam in die neuen
fränkisch-feudalen pyramidenförmigen Strukturen hineingezwängt. Darüberhinaus
demütigten die barbarischen Franken, als sie in die römische Kirche im Westen
eindrangen, die Päpste römischer Herkunft und entzogen ihnen die Möglichkeit, die Kirche verantwortungsvoll zu leiten. Zudem nutzten sie die westliche Kirche mit List
dazu, das römische Volk zu unterdrücken, zu demütigen und seiner nationalen Identität
zu berauben.

Als das Reich Karls des Großen sich seinem Niedergang zuneigte,
begannen die Bischöfe an der Spitze der kirchlichen Pyramide die päpstliche Macht nach dem Vorbild des fränkischen Königs einzunehmen, allerdings waren dies bereits Bischöfe fränkischer Herkunft. Dabei betonten sie nicht nur den ekklesialen Aspekt ihres Dienstes, sondern auch dessen zutiefst politische Dimension8. Die höchste Form der politischen Entwicklung dieses Prozesses erreichte das Papsttum während des
Pontifikats Innozenz’ III., der als einer der herausragendsten und hinsichtlich seiner politischen Macht einflussreichsten Päpste gilt. Er vertrat die theokratische Auffassung,
der zufolge er als Statthalter und Vikar Christi auf Erden zu gelten habe, als Nachfolger
Petri, als Gesalbter Gottes und als zwischen Himmel und Erde eingesetzter Stellvertreter Christi, dem alle Menschen und insbesondere die weltliche Macht
grenzenlose Unterwerfung und Gehorsam schuldeten. Die weltliche Macht ist nach Auffassung Innozenz’ III. nur ein Ausschnitt und Widerschein der päpstlichen Macht über die Welt9. Das Kardinalskollegium war seiner Auffassung nach lediglich eine Schar von Leviten10. Diese Theorie wurde vom Ersten Vatikanischen Konzil als ein
für das Heil notwendiges Dogma verkündet.


Im Osten hingegen blieben die alten kirchlichen Strukturen – dank der Tatsache,
dass die muslimischen Eroberer nicht zum Christentum übertraten und folglich keine kirchlichen Würden übernehmen konnten – bis in die Neuzeit hinein unverändert
erhalten, und zwar in den Patriarchaten von Konstantinopel, Alexandrien, Antiochien und Jerusalem. Nach dem Fall von Konstantinopel wurden die Bischöfe zu Statthaltern
der besiegten Römer und setzten das römische Recht im Namen des Kaisers von
Konstantinopel durch11. Während der Zeit des Ikonoklasmus und des
Postikonoklasmus wurde die Frage des Filioque zu einem ernsten Problem. Einige Synoden, die in Westeuropa stattfanden, erhoben das Filioque zu einem
heilsnotwendigen Dogma12, wobei sie sich ausschließlich auf die theologische Tradition des seligen Augustinus stützten. Im 7. Jahrhundert wurde in Spanien auf einer
Synode von Toledo dem Nizäno-Konstantinopolitanischen Glaubensbekenntnis hinzugefügt, dass der Heilige Geist nicht nur vom Vater, sondern auch vom Sohn
ausgehe. Bald gewann dieser Zusatz große Popularität im westlichen, von den Franken besetzten Teil des Römischen Reiches. Diese verkündeten, der aus der
Theologie des sel. Augustinus stammende Zusatz des Filioque erkläre das Geheimnis der Heiligen Dreieinigkeit besser, als es die östlichen Väter der ungeteilten Kirche und die Ökumenischen Konzilien getan hätten. Im 8. Jahrhundert war dieser Zusatz
praktisch bereits in allen Kirchen des fränkischen Europas in Gebrauch. Karl der Große weigerte sich, die dogmatischen Entscheidungen des 7. Ökumenischen Konzils (787) anzuerkennen, weil sie die orthodoxe Nizäno-Konstantinopolitanische Form des
Glaubensbekenntnisses, die dogmatische Bestimmung des Begriffs der Ikone sowie die von der Gesamtkirche traditionell angenommenen Formulierungen hinsichtlich des Dogmas der Heiligen Dreieinigkeit enthielten. Er berief seine fränkischen Theologen
Theodulf von Orléans, Paulinus von Aquileia und Alkuin, damit sie Gründe fänden, den christlichen Osten der Häresie anzuklagen. Die oben genannten Theologen verfassten die sogenannten Karolingischen Bücher (Libri Carolini), die der Kaiser an Papst Leo III. sandte, um seine
ablehnende Haltung gegenüber den dogmatischen Beschlüssen des 7. Ökumenischen Konzils zu rechtfertigen. Ihre filioquistische Theologie war nicht nur der erste Versuch
einer wissenschaftlichen Legitimierung des Filioque, sondern wurde auch im vollen Bewusstsein des Widerstandes gegen das Papsttum erarbeitet. Der Apostolische Stuhl
widerstand mit Würde den Erpressungen der Franken, die darauf abzielten, ihm die
Annahme des Filioque abzunötigen. Unter den vielen anerkennenswerten heroischen
Gestalten dieser Zeit verdienen zwei herausragende Päpste besondere
Aufmerksamkeit und Achtung: Leo III., der aus Furcht um sein eigenes Leben das
Filioque zwar billigte, sich aber kategorisch seiner Einführung in das Nizäno- Konstantinopolitanische Glaubensbekenntnis widersetzte, sowie der aus einer alten
aristokratischen römischen Familie stammende Papst Hadrian II., der in die Fußstapfen
seines Vorgängers trat und „grünes Licht“ für die Verkündigung des Evangeliums unter unseren slawischen Vorfahren gab. Erst der Römer Papst Nikolaus I. erlaubte im Jahr 866, als er die fränkische Mission in Bulgarien förderte, offiziell den Gebrauch des Filioque in der dort gefeierten Liturgie. Die Tatsache, dass sich das Filioque Konstantinopel genähert hatte, alarmierte dessen theologische Kreise, unter denen sich als herausragendste Gestalt der geniale Professor der dortigen Universität, Patriarch Photios13, erwies. Dieser bedeutende Hierarch, der Bulgarien als seinem Jurisdiktionsbereich zugehörig
betrachtete, war der erste östliche Theologe, der das Filioque als Häresie bezeichnete und diesen Zusatz aus theologischer Sicht äußerst negativ bewertete. Er sah darin
verheerende Folgen nicht nur für die Theologie, sondern für die gesamte westliche
Zivilisation voraus. Es ist mir gelungen, an die Dokumente der fränkischen Synoden im
Westen, die das Filioque sanktioniert hatten, sowie an die Korrespondenz zwischen den Franken, dem Papsttum und Konstantinopel zu diesem Thema zu gelangen. […] Es ist mir ebenfalls gelungen, die Originaldokumente der für das Thema wichtigsten Synode von 879/880 einzusehen, in denen schriftlich bestätigt wird, dass neben dem
Patriarchen von Konstantinopel und den übrigen Ostkirchen auch der Apostolische
Stuhl in der Person des Papstes Johannes VIII. amtlich und unfehlbar das Anathema
über jeden ausspricht, der es wagt, dem Nizäno-Konstantinopolitanum irgendetwas hinzuzufügen14. Im zweiten Teil, dem ich einen chronologischen Charakter gegeben
habe, wird die antifilioquistische Haltung sowie die Korrespondenz des Patriarchen von
Konstantinopel Photios dargestellt, in der er den Westen sehr eindeutig warnte, dass die Einführung des Filioque in Liturgie und Theologie zu einer triadologischen Unordnung in der Dogmatik führen, die Theologie ihrer mystisch-eschatologischen
Dimension berauben und – was am wichtigsten ist – die für das Christentum zentrale Idee der Vergöttlichung (Theosis) zerstören werde. Die Folge daraus sei – (so Photios), dass sich das
Christentum leicht in ein System christlicher Werte verwandeln werde, die bei einem falschen Demokratieverständnis jederzeit ohne Zwang oder gewaltsam durch andere religiöse oder sogenannte humanitäre Werte ersetzt werden können. Im Schlussteil habe ich den Versuch einer gewissen dogmatisch-historischen Bewertung des Problems unternommen, wobei ich mich vor allem auf die kritischen Stellungnahmen bedeutender zeitgenössischer orthodoxer Theologen zu diesem Thema gestützt habe.
Ich möchte Seiner Eminenz Metropolit Sawa dafür danken, dass er den Text gelesen
und wertvolle inhaltliche Anmerkungen hinzugefügt hat. Ich möchte an dieser Stelle
meinen Gutachtern und allen danken, die mich bei der Arbeit unterstützt haben – insbesondere Prof. Henryk Paprocki, Prof. Antoni Mironowicz und vor allem meinem engen Freund aus der Studienzeit, dem Dozenten für Patristik am Institut Saint-Serge in Paris, Prof. Joost van Rossum. Ebenso danke ich Herrn Prof. Jean-Claude Larchet, der mir während seines letzten Besuchs in Polen anlässlich der Vorstellung seines
Buches einige wertvolle Ratschläge zu Änderungen an meiner Arbeit gegeben hat. […].

Dieses Buch widme ich dem S’chiarchimandriten Kyrill sowie allen Mönchen des
Kellions Burazeri auf dem heiligen Berg Athos zum Dank für ihre Gebete und ihre
geistliche Unterstützung.

Der Autor

1 P. Y. Congar, Mönch und Teilnehmer am Zweiten Vatikanischen Konzil, gehört zu
den bedeutendsten römisch-katholischen Theologen des 20. Jahrhunderts. Er gehörte außerdem zu einer Gruppe zeitgenössischer französischer Theologen, die an einer
Rückkehr zu den Quellen, das heißt zu den Kirchenvätern, arbeiteten. Das Ergebnis
ihrer schöpferischen Arbeit ist die hervorragende Ausgabe der Texte der Kirchenväter
mit paralleler französischer Übersetzung – Sources Chretiennes.
2 „Ich, Kaiser Konstantin, und ich, Kaiser Licinius, haben alles abgewogen, was dem
Staat nützt und ihm dient, und beschlossen, den Christen und allen anderen die freie
Wahl zu lassen, welchen Gott sie bekennen und verehren wollen, damit die Gottheit
und das himmlische Wesen, wer auch immer es sein mag, uns gnädig sein möge […],
darüber hinaus ordnen wir in Bezug auf die Christen an, dass ihnen alle Räumlichkeiten, in denen sie sich zuvor zu versammeln pflegten, unentgeltlich und
unverzüglich zurückgegeben werden“. W. Doroszkiewicz, Dzieje Wschodnich Rzymian (Geschichte der Oströmer), Białystok 2012, S. 17 [in polnischer Sprache].
3 R. G. Roberson, The Eastern Christian Churches: A Brief Survey, 1995, [S. 34–48,
poln. Ausgabe].
4 Zum Umfang der theologischen Frage in ihrem historischen Kontext, siehe J.N.
Karmiris, Ἡ δογματικὴ καὶ συμβολικὴ θεολογία τῆς Ὀρθοδόξου Ἐκκλησίας, Bd. 1,
Thessaloniki 1973, S. 325; J. Pelikan, The Spirit of Eastern Christendom (600–1700),
[S. 216–234, poln. Ausgabe].
5 Im 7. Jahrhundert fanden die ersten bedeutenden Synoden statt, die von den Franken einberufen wurden, um das Filioque zu sanktionieren und als Zusatz zum Nizäno-Konstantinopolitanischen Glaubensbekenntnis einzuführen. Der Heilige Stuhl
widersetzte sich dem entschieden und protestierte.
6 In Byzanz wurden Heiden, heidnische griechische Philosophen und Gelehrte als „Griechen“ bezeichnet. Die Bürger aller Schichten bezeichneten sich dagegen als
Römer oder einfach als Christen.
7 Diese historisch-dogmatische Studie ist gewissermaßen eine Ergänzung und eine Erläuterung des dreizehnten Kapitels meines Buches Geschichte der Oströmer (Dzieje Wschodnich Rzymian).
8 Der letzte Papst römischer Herkunft war Johannes VIII.
9 Die theoretischen Grundlagen für die Stärkung der Rolle des Papsttums schuf
Thomas von Aquin. Die Kritik am Papsttum wurde zur Quelle der größten
Erschütterung im Katholizismus – der von Martin Luther eingeleiteten Reformation. Das
Papsttum verfügt über die Römische Kurie, die zugleich für staatliche und kirchliche
beziehungsweise apostolische Angelegenheiten zuständig ist.
10 R. K. Emmerson, Key Figures in Medieval Europe, London–New York, S. 229.
11 S. Runciman, The Great Church in Captivity, 1968, S. 39 [poln. Ausgabe].
12 ebd., S. 279.
13 Patriarch Photios besaß ein derart umfangreiches enzyklopädisches Wissen, dass er
gemeinsam mit dem genialen Mathematiker Leon junge Menschen aus dem gesamten
Nahen Osten an die Universität von Konstantinopel zog. Zu seinen Schülern gehörten
auch die heiligen Kyrill und Method.
14 Mansi VIII, 520.

I
Deo protectus filius

Der jeder vernünftigen Rechtfertigung entbehrende Kreuzzug der byzantinischen Kaiser‑Ikonoklasten gegen die Bilder und gegen das eigene römische Volk führte im 8. Jahrhundert zur völligen Vernachlässigung der politisch‑nationalen Interessen Konstantinopels im westlichen (lateinischen) Teil des Reiches15. Die günstige Konjunktur nutzend, schufen die Franken im Westen ihren mächtigen Staat, der unter der Herrschaft Karls des Großen seine größte Blüte erreichte. Der auf sich allein gestellte Apostolische Stuhl, der keine militärische Hilfe gegen die Überfälle der Langobarden erlangen konnte, wandte sich an den König der Franken, den Vater Karls des Großen, Pippin den Kleinen, mit der Bitte um politische und militärische Unterstützung. Die Hilfe kam rasch und brachte beiderseitigen messbaren Nutzen: Das Papsttum erhielt ein starkes politisch‑militärisches Protektorat, Pippin dagegen wurden gewisse liturgische Funktionen verliehen16. Indem er zum Verteidiger des christlichen Glaubens wurde, war der Kaiser zutiefst davon überzeugt, dass er selbst wie auch sein fränkisches Volk durch die Taufe in die Geschichte Westeuropas eingetreten seien, ebenso wie in die Geschichte des von der Kirche verheißenen Heils17. Die allgegenwärtige Unordnung überwindend, einigten sich die Franken dank der Kirche und organisierten und ordneten ihr mächtiges Imperium. Die Päpste nannten sie, wenn sie sich an sie wandten, das auserwählte Volk, ihren König aber stellten sie David gleich18. Seit den Zeiten Pippins empfingen die fränkischen Könige, ähnlich wie David und Salomon, die königliche Salbung nach dem Ritus des Alten Testaments, jedoch in oströmisch‑christlicher Ausgestaltung19. Die Päpste Stephan II. und Hadrian I. beteten darum, dass die fränkischen Heere und Feudalherren militärische Triumphe davontrügen, insbesondere im Werk der Bekehrung heidnischer Stämme20. Auch Christus und das Neue Testament wurden mit der fränkischen Mission identifiziert. Pippin wurde als neuer David Christianissimus et Deo protectus filius genannt21. Während der Litaneien wurden folgende Akklamationen gesungen: … laudes regiae, Christus vincit, Christus regnat, Christus imperat …22, die spätestens im Jahre 774 eingeführt wurden und den fränkischen Herrscher zu einer beinahe liturgischen Person machten23. Die verhängnisvolle Folge eines solchen Zustands war, dass die kirchliche Lehre und das Dogma zu Objekten des unmittelbaren Interesses der fränkischen Monarchen wurden. Zwischen die dogmatisch‑liturgische Sphäre der westlichen Kirche und die Ebene des kaiserlichen politischen Interesses wurde nahezu ein Gleichheitszeichen gesetzt. Bei Anwendung dieser Taktik fühlten sich die fränkischen Herrscher nicht nur für die Erneuerung der Kirche verantwortlich, sondern auch für die Durchführung liturgischer Reformen. Es war kein Geheimnis, dass die römischen liturgischen Praktiken schon seit geraumer Zeit ständiger Gegenstand des Interesses des fränkischen Herrscherhofs waren. Die stille Einführung der römischen liturgischen Praxis im Reich König Pippins sowie das Bestehen auf dem Gesang des gregorianischen Chorals vollzogen sich auf Betreiben des Monarchen selbst. Im Hinblick auf das Heil aller Kirchen, die unter die Herrschaft der Franken geraten waren, wurde bereits zu Beginn der Regierung Pippins, um das Jahr 769, dem römischen Taufritus, den römischen Gebeten und den römischen liturgischen Bräuchen im Westen Rechtskraft verliehen. Es sei daran erinnert, dass die Franken, als sie – noch halbwilde Barbaren – das westliche Europa eroberten, dort auf die gut gedeihenden orthodoxen Patriarchate Galliens, Mailands, Aquileias sowie auf das Patriarchat von Lissabon stießen, die mit eigenen kirchenrechtlichen Büchern und ortstypischen Liturgien arbeiteten. Das Urbild dieser Liturgien war seinerzeit vom Osten durch den hl. Irenäus von Lyon mitgebracht worden24. Besonders verstärkt ging der Prozess des Aufoktroyierens römischer Praktiken im 7. und 8. Jahrhundert vonstatten, als beispielsweise durch ein Dekret König Pippins des Kleinen der gallikanische Gesang abgeschafft und durch den römischen gregorianischen Choral ersetzt wurde25. Die Romanisierung der Liturgie im Frankenreich schritt auch unter der Herrschaft des Sohnes Pippins des Kleinen, Karls des Großen, voran. Dieser wandte sich um das Jahr 785 mit der Bitte an Papst Hadrian I., ihm römische liturgische Bücher mit dem Ziel der Einführung einheitlicher Gottesdienste nach römischen Vorgaben in seinem ganzen Reich zu übersenden. Papst Hadrian I. berief in dieser Sache eine Kommission ein, deren Aufgabe es war, die entsprechenden liturgischen Bücher zu bestimmen und vorzubereiten. Karl der Große verlangte auch von Bischof Amalarius, ihm einen Bericht über die Spendung des Taufsakraments sowie über andere wichtige kirchliche Riten zu liefern. Der Bischof beschrieb gehorsam alles in einem Brief, in dem er den Adressaten „den allerchristlichsten Kaiser“ nannte26. Die an den Hof Karls des Großen gesandten und in seinem Königreich verbreiteten Bücher des römischen Ritus trugen zum endgültigen Verlust der Eigenart sowohl der gallikanischen als auch der ursprünglichen Liturgien in Westeuropa bei. Bei der auf fränkischen Boden übertragenen römischen Praxis achtete man peinlich genau z.B. auf das Tragen von Sandalen, auf bestimmte Methoden des Gebetsgesangs, auf die Kenntnis der Gottesdienste sowie auf die korrekte Spendung der Sakramente. Für derartige Praktiken fanden sich Anweisungen in der Admonitio Generalis (im Jahr 789)27. Die fränkischen Bischöfe holten die Meinung ihres Klerus zur Einführung der römischen Riten ein. Mit der Durchführung der gesamten Vereinheitlichung der Bücher beauftragte der Kaiser Alkuin28. Dieser wiederum fügte den aus Rom erhaltenen Texten noch eigene Ergänzungen hinzu, wie z.B. das Credo mit dem Filioque, eine besondere tägliche Messe für den König sowie eine Messe für den König während der Synodenberatungen. Die liturgische Belebung der Kirche im Westen wurde gleichsam von oben auferlegt. Ein solches Vorgehen Karls des Großen trug auch zur Steigerung der Autorität der römischen Kirche bei, die der fränkische Monarch ohne Zögern als das Haupt aller Kirchen bezeichnete, der alle anderen Kirchen auf Erden untergeordnet sein müssten29. Der starke Druck, den die Franken ausübten, um den universalen Charakter der römischen Kurie sowie des Primats des Bischofs von Rom über die anderen Kirchen hervorzuheben, wurde zu einem Meilenstein in der Politik der fränkischen Monarchen. Der Kaiser herrschte nicht nur über das Reich, sondern leitete im Geist eines beinahe vollständigen Cäsaropapismus bereits die westliche Kirche, wie es ihm beliebte – wobei er sich in vollem Umfang berechtigt fühlte, in ihre dogmatischen Angelegenheiten einzugreifen. Ein offenkundiger Beweis dafür ist die Einführung des Filioque in den liturgischen Zyklus des Westens im 9. Jahrhundert. Praktisch zum ersten Mal in der Geschichte der Kirche traten Unterschiede auf, die unmittelbare Auswirkungen auf die dogmatischen Definitionen des VII. Ökumenischen Konzils hatten. Der Sieg über den Ikonoklasmus war ein unbestreitbarer Erfolg sowohl der römischen orthodoxen Päpste als auch des Patriarchats von Konstantinopel30. Leider war jedoch die Überraschung des Apostolischen Stuhls umso größer, als Karl der Große, der sich bei der Entscheidung dogmatischer Fragen als uneingeschränkter Herr der westlichen Kirche fühlte, die dogmatischen Beschlüsse des VII. Ökumenischen Konzils nicht nur nicht anerkannte, sondern Papst Hadrian I. (772–795) missachtete, ihm mit einem Schisma drohte und eine eigene Synode in Frankfurt am Main einberief (793). Seiner selbsternannten Versammlung verlieh der Kaiser den Charakter eines ökumenischen Konzils, wodurch er die Autorität des VII. Ökumenischen Konzils der Kirche negierte, dessen Beschlüsse – ich betone es noch einmal – Papst Hadrian I. selbst unterzeichnet hatte. Dass sich der Apostolische Stuhl für die anti-ikonoklastischen Dekrete des VII. Ökumenischen Konzils ausgesprochen hatte, deuteten die Franken als Geste der politischen Unterwerfung des Bischofs von Rom unter den Patriarchen und den bei ihnen verhassten Kaiser in Konstantinopel. Karl der Große empfand dies als Erniedrigung und Demütigung, woraufhin er die Libri Carolini verfassen ließ, in denen er Verachtung und giftige Kritik an der christlichen Kirche im Osten sowie am rechtmäßigen Kaiser in Konstantinopel übte. Zuerst beleidigte er die Oströmer, indem er sie Griechen, also Heiden, nannte31, und dann fügte hinzu, man dürfe sie nicht ernst nehmen, da eine Frau über sie herrsche (Kaiserin Irene), was für den einstigen Barbaren erst recht unbegreiflich war32. Schon bald begann Karl, Druck auf den kranken Papst Hadrian I. auszuüben, indem er forderte, dieser möge so schnell wie möglich die eucharistische Gemeinschaft mit Konstantinopel beenden. Er konnte sich nicht mit der Tatsache abfinden, dass der im Westen als neuer David und Führer der Kirche geltende Kaiser der Franken vom Papst selbst ignoriert worden war, der seine Unterschrift unter die – seiner Meinung nach – häretischen Dekrete des VII. Ökumenischen Konzils gesetzt hatte. Er fühlte sich auch von Konstantinopel ignoriert, das nicht verstand, mit wem man es zu tun hatte, und ihn nicht anders als einen ehemaligen Barbaren behandelte. Was, so beklagte Karl, konnte der gesalbte Kaiser der Franken schon mit heidnischen Kaisern wie Oktavian, Nero, Diokletian oder mit christlichen Kaisern wie Konstantin, Justinian oder Irene gemein haben33. Bereits eingangs der Karolingischen Bücher stellte er klar, dass man den Kaiser der Griechen in Konstantinopel nicht mit einem Mann Gottes vergleichen könne, der mit heiligem Öl gesalbt sei und wie David vor den Übeltätern fliehe. Gerade in diesem politisch‑theologischen Klima tauchte das Problem auf, das Filioque genannt wird und auf dem Boden der politischen Union zwischen dem Frankenkönig Karl dem Großen und dem Papsttum im 9. Jahrhundert entstanden ist. Zu jener Zeit war die Kirche die einzige universale Gemeinschaft und Wirklichkeit, in der der Staat der Franken funktionieren konnte. Die Durchsetzung des Filioque erwies sich als Ausnahme in der allgemeinen Bewegung der fränkischen religiösen Belebung und Erneuerung, weil sie mit aller Schärfe die Frage nach dem richtigen Verhältnis zwischen weltlicher und geistlicher Gewalt aufwarf34. In der Frage des Filioque setzte sich der Wille der Franken auf Kosten der Einheit der Kirche durch. Es sei hier daran erinnert, dass sowohl während des Pontifikats Leos III. (795–816) als auch des späteren Johannes VIII. (872–882) das Filioque selbst kein besonders großes theologisches Problem darstellte. Erst die Entscheidung der Franken, das Filioque ins Glaubensbekenntnis einzufügen, wurde zu einem ernsten Dilemma, gegen das sich die römischen Päpste fast das ganze neunte Jahrhundert hindurch so sehr wehrten. Nicht selten hatten Kirchenväter private theologische Ansichten vertreten, die sich nicht völlig mit dem allgemein angenommenen Glauben der Gesamtkirche deckten35. Sie blieben jedoch im Bereich der sogenannten Theologumena36.
Der Versuch aber, solche Ansichten in die christliche Dogmatik einzuführen, wäre allerdings ein ernstes Problem geworden. Ähnlich verhielt es sich mit dem Filioque. Der sel. Augustinus wollte niemals, dass seine privaten theologischen Ansichten als maßgebliche Auslegung der Orthodoxie betrachtet werden, denn er war nicht in sich selbst ein ökumenisches Konzil, sondern nur ein begabter Theologe, der Fehler beging wie jeder andere Denker oder Philosoph. Für die Gesamtkirche dagegen muss selbst die kleinste Änderung im Credo oder im Dogma einzig und allein auf der unfehlbaren Autorität eines Ökumenischen Konzils beruhen. In der Atmosphäre solch theologisch‑politischer Turbulenzen trat der unlängst noch barbarische Stamm der Franken nicht nur hinterlistig in die Geschichte der Kirche der Weströmer ein und riss sie von den übrigen vier östlichen Patriarchaten los, sondern verwirklichte auch Pläne zur Bekehrung anderer unterworfener Völker und zu deren Eingliederung in die fränkische Großmacht37. In Frankfurt wurde Karl dem Großen im Namen der Synode der Titel des Hauptes der Westkirche verliehen, der römische Papst hingegen sollte ein Anhängsel des fränkischen Stammeskönigs sein und sich darauf beschränken, für das Wohlergehen des Herrschers und seiner Untertanen zu beten.

15 Ikonoklasmus – eine Bewegung, die die Verehrung religiöser Bilder und Figuren bekämpfte und sich an der Wende vom 8. zum 9. Jahrhundert in Byzanz entwickelte.
16 Ebd., S. 267.
17 Gregory of Tours, History of the Franks, übers. L. Thorpe, London 1977, S. 133.
18 Ebd., S. 99.
19 Ebd., S. 103.
20 Hadrian II. schrieb nach dem Sieg über die Langobarden: „Victorem te super omnes nationes faciat“, [in:] B. Pullan, Sources for the History of Medieval Europe, Oxford 1971, S. 121.
21 Gregory of Tours, History of the Franks, S. 137.
22 Ebd., S. 137.
23 Ebd., S. 139.
24 Während der Liturgie nannte man sowohl den Namen des römischen Papstes als auch den des Patriarchen von Konstantinopel.
25 In Frankreich gibt es zu diesem Thema eine umfangreiche Literatur.
26 Gregory of Tours, History of the Franks…, S. 151.
27 Ebd., S. 153.
28 Alkuin stammte aus Northumbrien (dem heutigen Yorkshire). Er wurde an der Kathedralschule in York ausgebildet, der er seine für damalige Zeiten sehr umfassende Bildung im Bereich des Trivium und Quadrivium sowie des Rechts, der antiken Literatur, des Lateinischen und Griechischen verdankt. Ab 782 hielt sich Alkuin in Aachen auf, wo er am Hof Karls des Großen die vom Herrscher gegründete Palastschule leitete. Er wurde zum Berater des Herrschers in Fragen der Wissenschaft und Erziehung. Die Aachener Palastschule wurde zum kulturellen Mittelpunkt des Karolingerreiches und trug zur Wiedergeburt des kulturellen Lebens auf dem europäischen Festland bei, der sogenannten karolingischen Renaissance. Mit seinem theologischen Schaffen ist die Teilnahme an den theologischen Streitigkeiten der Epoche verbunden, vor allem auf den Synoden in Frankfurt am Main (793) und in Aachen. Er bekämpfte den Adoptianismus und die Bilderfeindlichkeit und nahm am Streit um das Filioque teil. Auf der Synode von Aachen bekämpfte er offen den Adoptianismus in den Ansichten des Bischofs Felix von Urgell und des Erzbischofs Elipandus von Toledo. Auf Anregung Alkuins wurde in die Liturgie der Sonntags‑ und Festtagsmessen der Gesang des Credo mit dem Filioque eingeführt. Der Adoptianismus lehrte, Christus sei Sohn Gottes durch Adoption und nicht von derselben Natur wie der Vater. 
29 W. Doroszkiewicz, Geschichte der Oströmer, S. 298 [poln.].
30 Die Mehrheit der orthodoxen Patriarchate befand sich bereits unter muslimischer Herrschaft.
31 Für die Oströmer bedeutete das Wort Grieche oder griechisch die klassische heidnische Philosophie und Kultur, die im vorchristlichen Griechenland entstanden war.
32 Gemeint ist hier natürlich die Kaiserin Irene.
33 Gregory of Tours, History of the Franks, S. 133.
34 Ebd., S. 131.
35 z.B. einige Ansichten des hl. Gregor von Nyssa über die Endzeit.
36 Das häufigste Beispiel ist die auf dem Origenismus beruhende Theorie der Apokatastasis des hl. Gregor von Nyssa; niemand hat es jedoch jemals gewagt, den hl. Gregor deswegen einen Häretiker zu nennen.
37 Gregory of Tours, History of the Franks, S. 89.


II
Erste Interpolationsversuche

Dem Filioque begegnen wir erstmals im 5. Jahrhundert in Spanien – zunächst in der Liturgie von Toledo (446–447), sodann auf der 3. Synode von Toledo im Jahr 589, als der Westgotenkönig Rekkared zusammen mit seinem Volk dem Arianismus abgeschworen und das rechtgläubige Christentum angenommen hatte, was auch der politischen Einigung des westgotischen Spaniens förderlich war. Dies geschah auch dank der Missionsarbeit des hl. Leonhard38. Die Synode von Toledo ordnete zudem an, während der Messe in Westeuropa das Credo mit dem Filioque zu singen. In seiner offiziellen Rede sagte König Rekkared: „… auch wir müssen den Heiligen Geist bekennen und verkünden, dass er vom Vater und vom Sohn ausgeht“39. Zuerst erwähnte er das Glaubensbekenntnis der vier Ökumenischen Konzilien, anschließend fügte er hinzu, um seinem erst kürzlich bekehrten Volk beizustehen, dass alle Kirchen Spaniens und Galliens folgende Vorschrift beachten sollten: Während der Feier jedes Opfers solle vor dem Empfang des Leibes und Blutes Christi das hochheilige Glaubensbekenntnis von allen laut rezitiert werden, gemäß dem Brauch der östlichen Väter40. Unter den von der Synode von Toledo erarbeiteten Kanones verdient der zweite Kanon Beachtung, in dem es heißt, dass „… in allen Kirchen Spaniens und Galliens das Glaubensbekenntnis von Konstantinopel, das heißt der 150 Väter, gemäß der Form der Ostkirchen vorgetragen oder vom Volk vor dem Gebet des Herrn laut gesungen werden solle41. Daraus würde folgen, dass die Franken das Problem des Filioque, das ihnen nicht als eine besondere dogmatische Frage erschien, relativiert hatten. Die Urheber dieser eigenmächtigen Schritte glaubten fest daran, dass das Filioque bereits in der ursprünglichen Fassung des Nizäno-Konstantinopolitanischen Glaubensbekenntnisses existiert habe und mit der Zeit irgendwo im Osten verloren gegangen sei. Der Grund für die Hinzufügung der Aussage zum Nizäno-Konstantinopolitanischen Credo, dass der Heilige Geist nicht nur vom Vater, sondern auch vom Sohn ausgehe, bestand darin, die frisch vom Arianismus bekehrten Westgoten und Gallier stärker im Glauben an die Gottheit des Sohnes zu festigen42. Es ist anzumerken, dass in jenem Gebiet die Frage des Singens des Credo mit dem Filioque weder ein Problem noch ein Anlass für Kontroversen war, denn das Filioque war dort schon lange zuvor informell in einige öffentliche und private Glaubensbekenntnisse eingefügt worden. Ebenso war es niemals offiziell von irgendeinem Ökumenischen Konzil oder von der Kirche angenommen worden. Bis heute wissen wir jedoch nicht genau, wann und wie das Nizäno-Konstantinopolitanische Glaubensbekenntnis mit dem Zusatz Filioque ins Frankenreich gelangt war. Es besteht die Vermutung, dass der bekannte und angesehene karolingische Theologe Theodulf von Orléans diese Interpolation aus Spanien an den Hof Karls des Großen gebracht hat43. Andere Historiker hingegen vermuten, dass sie höchstwahrscheinlich direkt durch Alkuin von York an den Hof Karls gelangt war und nicht etwa aus Spanien, wie man früher angenommen hatte44. Diese These ist jedoch wenig wahrscheinlich, da unter den Franken in den Regionen Galliens schon vor Alkuins Ankunft am fränkischen Hof die Gewohnheit verbreitet war, das Glaubensbekenntnis mit dem Filioque zu rezitieren45. Es unterliegt jedoch keinem Zweifel, dass das Filioque mit der Zeit zu einem enormen Wert für die fränkische theologische Tradition wurde.
In Italien akzeptierte man das Filioque insoweit, als es eine eigenständige, außerhalb des Nizäno-Konstantinopolitanischen Glaubensbekenntnisses bestehende Lehre blieb46. Auf der Synode von Mailand im Jahr 680 wurde hervorgehoben, dass der Heilige Geist vom Vater ausgeht47. In Rom berief Papst Agatho48 (678–681) eine Synode ein, zu der 125 westliche Bischöfe kamen. Nach ihrem Abschluss sandten die Bischöfe im Namen des Papstes zwei Briefe nach Konstantinopel an Kaiser Konstantin. Im ersten der beiden betonten sie, dass sie aufrichtig die Reinheit des Glaubens verteidigten, „… credentes in Deum Patrem (…) et in Spiritum sanctum, dominum et vivificatorem, ex Patre procedentem“ (wir glauben an Gott den Vater … und an den Heiligen Geist, den Herrn und Lebensspender, der vom Vater ausgeht), die ihnen von den Vätern überliefert worden sei, ohne ihm etwas hinzuzufügen, etwas zu verändern oder etwas wegzunehmen49. Im zweiten Brief hingegen verpflichtete sich Papst Agatho, die Dogmen des rechtgläubigen und apostolischen Glaubens mit größter Sorgfalt zu verteidigen und zu bewahren, den der römische apostolische Stuhl schützt und bis heute weitergibt, indem er an den einen Gott, den allmächtigen Vater […] und den Heiligen Geist glaubt, der vom Vater ausgeht50. Aus dem angeführten Brief ergibt sich, dass sich das Papsttum eifrig gegen das häretische Filioque verteidigte, vor allem gegen dessen Einschub in das Glaubensbekenntnis.
Anders verhielten sich die Dinge am Herrscherhof des Westens. Als eifriger Verfechter des Filioque erwies sich Karl der Große, der nach der Synode von Frankfurt am Main (794) anordnete, in seiner Stiftskirche das nizänische Credo mit dem Zusatz Filioque zu singen. Die Synode von Aachen bestätigte die Rechtgläubigkeit der Praxis des kaiserlichen Hofes. Ein ähnlicher Brauch wurde im lateinischen Kloster in Jerusalem auf dem Ölberg eingeführt, was die dortigen griechischen Mönche verletzte⁵¹.
Abgesehen von kleineren Synoden im Westen trat das Filioque in den Texten der Synoden von Gentilly (767), Frankfurt am Main (794), Friaul (796) und Aachen (809) auf.
Papst Leo III. bestätigte angesichts des Drucks von Seiten Karls des Großen das Filioque in gewissem Sinn, stimmte jedoch keinesfalls seiner Aufnahme in die Liturgie zu (dies tat erst Papst Benedikt VIII. im Jahr 1014). Als Leo III. anordnete, das Credo auf silberne Tafeln im Inneren der Basilika des hl. Johannes einzugravieren, ließ er das umstrittene Wort weg. Im 9. Jahrhundert begegnen wir dem Filioque in Deutschland, Lothringen und vielen Kirchen Frankreichs. Dennoch hielt Paris noch zwei weitere Jahrhunderte an der ursprünglichen Formel des Credo fest.
Beginnend mit Otto I. im Jahr 962 kamen die sächsischen Kaiser, die ihre universalen Ansprüche auf die römische Tradition stützten, nach Rom, um die Krönung zu empfangen. Bei eben solchen Anlässen drang das fränkische Credo mit dem Filioque, wie uns Berno berichtet, in die römische Messe ein52. Als während der Krönungsmesse das Glaubensbekenntnis vorgelesen wurde, fragte Otto II. (973-983), weshalb dies geschehen sei. Man antwortete ihm, dass die römische Kirche niemals von Häresien befallen gewesen sei, dass sie entschlossen an der Lehre des heiligen Petrus, die zur katholischen Kirche gehöre, festhalte und dass deshalb in Rom niemals das Credo mit dem Filioque gesungen worden sei. Leider bestand der Kaiser so nachdrücklich darauf, dass Papst Benedikt VIII. nachgab und das Singen des Glaubensbekenntnisses mit dem Filioque in Rom erlaubte. Bis auf den heutigen Tag dauert dies an53.

38 H. Paprocki, Priester, Obietnica Ojca, Bydgoszcz 2001, S. 161. Die beste Studie zur orthodoxen Pneumatologie in polnischer Sprache. H. Leclerc, Espagne chrétienne, Paris 1906, S. 19. Ch. J. Hefele, H. Leclerc, Histoire des conciles, Bd. 3, Teil 1, Paris 1909, S. 222–224; R. Michałowski, Historia Powszechna. Średniowiecze, Bd. 4, S. 484.
39 Ch. J. Hefele, H. Leclerc, Histoire…, Bd. 1, Teil 1, S. 222.
40 Ebd., S. 225.
41 Ch.J. Hefele, H. Leclerc, Histoire…, Bd. 3, Teil 1, S. 222–225.
42 „… wer das Credo ohne den Zusatz Filioque singt, ist zu exkommunizieren“, Gregory of Tours, History of the Franks, S. 90.
43 Gregory of Tours, History of the Franks, S. 113.
44 Ebd., S. 13.
45 J. Wallach, Luitpold, Alkuin and Carlemagne: Studies in Carolingian History and Literature, New York 1959, S. 38.
46 Im Credo des Konzils von Nicäa (325) heißt es: „Wir glauben an den Heiligen Geist“, während das 2. Ökumenische Konzil diesen Abschnitt etwas erweiterte und hinzufügte: „Wir glauben an den Heiligen Geist, den Lebensspender, der vom Vater ausgeht, der zusammen mit dem Vater und dem Sohn angebetet und verherrlicht wird, der durch die Propheten gesprochen hat“ (431). Dies ist der ehrwürdige Text des Glaubensbekenntnisses. In der Zwischenzeit waren auch andere synodale Formeln, Glaubensbekenntnisse und Credos im Umlauf; eines davon war das sogenannte Quicumque, das fälschlicherweise dem hl. Athanasius von Alexandria zugeschrieben wird und das Filioque enthält.
47 Ch.J. Hefele, H. Leclerc, Histoire…, Bd. 3, Teil 2, S. 479. Επισκοπου Ροδοστολου, Χπυσοστομου, Ιδου ο Παπισμος, Αγιον Ορος 2002, Σ. 399.
48 Er war der Sohn einer wohlhabenden griechischen Familie, die sich auf Sizilien niedergelassen hatte. Nach dem Tod seiner Eltern verschenkte er deren Vermögen und trat in das Benediktinerkloster in Palermo ein. Er wurde im Alter von 100 Jahren Papst. Chrześcijaństwo, święci, zakony, sanktuaria, hrsg. von S. Pużyński, Warschau 2007, S. 15.
49 Ch.J. Hefele, H. Leclerc, Histoire…, Bd. 3, Teil 1, S. 479.
50 Die Byzantiner unterhielten bereits zu Beginn des 6. Jahrhunderts gewisse Kontakte zu den Franken. Im Jahr 508 verlieh Kaiser Anastasios (491–518) Chlodwig den Rang eines Konsuls und den Titel patricius Romanorum. Im Jahr 585 half Kaiser Maurikios Gundowald bei der Rückeroberung des Frankenreichs. Mit Erlaubnis von Kaiser Konstantin V. verlieh Papst Stephan Pippin dem Jüngeren den Titel patricius Romanorum. J. Romilly, Byzantium: The Imperial Centuries, New York 1969, S. 109; http://en.wikipedia.org/wiki/Clovis.
51 Darauf wird etwas später eingegangen werden.
52 Gregory of Tours, History of the Franks, S. 548; H. Watkin-Jones, The Holy Spirit in the Medieval Church, London 1922, S. 71.
53 S. Runciman behauptet, dass man in Rom zu der Zeit, als die sächsischen Kaiser die Päpste auf den päpstlichen Thron einsetzten, damit begann, während der Messe das Credo mit dem Filioque zu singen. Daraufhin wurden in Konstantinopel die Namen dieser Päpste aus den Diptychen gestrichen. S. Runciman, The Byzantine Theocracy, Cambridge 1977, [S. 32–34,
poln. Ausgabe].

1. Die Synode von Gentilly

Da Konstantinopel vom rechten Glauben der Kirche von Rom überzeugt war, beschloss man, an die nicht-römischen Architekten der Einfügung des Filioque in das Nizäno-Konstantinopolitanische Credo im Westen heranzutreten und die Haltung der Franken zu diesem neuen Problem zu untersuchen. Im Jahr 767 wurde in Gentilly eine griechisch-fränkische Synode unter der Schirmherrschaft des Frankenkönigs Pippin des Jüngeren einberufen54. Obwohl die Akten der Synode verloren gegangen sind, finden wir in den Chroniken des hl. Ado, des Erzbischofs von Vienne (†874), eine Notiz, in der festgehalten ist, dass neben vielen anderen dogmatischen Problemen auf der Synode auch über die Frage des Filioque diskutiert wurde55. Darüber hinaus ist die Tatsache von Bedeutung, dass diese Synode den Beginn der römisch-fränkischen Diskussionen zu triadologischen Themen markierte. Aus den hitzigen Debatten erfahren wir, dass die Oströmer, angeführt vom Papst, dem Nizäno-Konstantinopolitanischen Bekenntnis treu blieben, während die Franken, gestützt auf die filioquistischen Ansichten des sel. Augustinus, langsam, aber wirksam das Filioque in die westliche Kirche einführten. Dies war eine sehr schwierige Zeit im Leben des Imperiums, denn die römische Kurie verlor infolge der völlig sinnlosen ikonoklastischen Politik des Kaisers Leo III. das Illyricum, während Konstantinopel, das keinen Krieg an zwei Fronten führen konnte, aufgrund des Einfalls der Langobarden Ravenna verlor. Dies bedeutete de facto den behutsamen Beginn der Auflösung der römischen Vorstellung von einem einheitlichen universellen Römischen Reich.

54 Die Bewohner des Christlichen Römischen Reiches nannten sich selbst Römer, während das Wort „Grieche“ häufig von Ausländern verwendet wurde, z. B. bei den Feldzügen der Rus‘ gegen die Griechen oder zu den Griechen. Manchmal wurde damit informell auch die griechischsprachige Minderheit bezeichnet, die an der Peripherie des Imperiums, z. B. in Jerusalem lebte, um sie von anderen zugewanderten Minderheiten zu unterscheiden, wenngleich dies nicht immer die Regel gewesen sein muss. Ch. J. Hefele, H. Leclerc, Histoire…, Bd. 3, Teil 1, S. 725-726; Gregory of Tours, History of the Franks, S. 560; H. Watkin-Johnes, The Holy Spirit in…, S. 80.
55 PL 123,125.

2. Die Libri Carolini und das Glaubensbekenntnis des Tarasios

Karl der Große erhielt von Papst Hadrian I. (772-795) die lateinische Übersetzung der Akten des 7. Ökumenischen Konzils (787) von Nizäa. Leider waren diese so unbeholfen aus dem Griechischen ins Lateinische übersetzt, dass sie nur so von sprachlichen Fehlern strotzten, die den eigentlichen Sinn der in Nizäa gefassten Beschlüsse entstellten56. Als Antwort auf die dogmatischen Dekrete des Ökumenischen Konzils bestellte Kaiser Karl der Große seine fränkischen Theologen ein und verpflichtete sie, eine Liste von Vorwürfen unter dem Titel Capitulare – gegen die Irrungen der Griechen, d. h. gegen die Dekrete des 7. Ökumenischen Konzils, auszuarbeiten57.
Als Papst Hadrian I. seine Meinung über das Capitulare äußerte und es bewertete, stellte er lapidar fest, es handle sich um eine grandis et verbosa epistola58, und schrieb als Antwort: „… wir haben gezeigt, dass die Dogmen des 7. Konzils unanfechtbar [irreprehensible] sind… Wenn jemand behaupten würde, dass sie sich vom Bekenntnis des oben genannten Konzils unterscheiden, so wäre dies gleichbedeutend damit, die Nichtanerkennung der Entscheidungen der sechs vorangegangenen heiligen Konzilien zu riskieren, da die Väter nicht ihre eigenen Meinungen verkündet, sondern sich auf die zuvor festgelegten konziliaren Definitionen gestützt haben“59. In den Akten der sechs Ökumenischen Konzilien ist unter anderem vermerkt, dass dieses Credo (das Nizäno-Konstantinopolitanische) für die vollkommene Erkenntnis und die Festigung in der Religion hinreichend ist60. Das Capitulare selbst war noch nicht identisch mit den Karolingischen Büchern, sondern eher eine Liste von Anfechtungen der Beschlüsse des 7. Ökumenischen Konzils, die von Angilbert, dem Neffen Karls des Großen, nach Rom überbracht wurde61.
Als Karl der Große von Papst Hadrian I. eine Antwort in diesem Geiste erhielt, verpflichtete er seine Theologen, für den Papst eine etwas ausführlichere Erwiderung zu verfassen. Diese Antwort waren die Libri Carolini, d.h. die berühmten Karolingischen Bücher, die aus vier Büchern bestehen, in den Jahren 790-791 von Theodulf von Orléans62 verfasst wurden und mit den Worten beginnen: „Im Namen unseres Herrn und Erlösers Jesus Christus hat dieses Werk der hochwürdigste und ruhmreichste Karl, von Gottes Gnaden König der Franken, Galliens und Germaniens etc., begonnen gegen die Synode, auf welcher die griechische Seite nachdrücklich und stolz in Dekreten zugunsten der Anbetung (Adoration) der Bilder gesprochen hat“63. Infolge der Erweiterung der Karolingischen Bücher wurde der Titel Capitulare lediglich zum Titel des dritten Kapitels der genannten Bücher, in dem der Autor angibt, dass „wir zu Beginn unserer Arbeit versprochen haben, nichts unbesprochen zu lassen oder mit Stillschweigen zu übergehen, was einer strengen Kritik auf einer Synode wert gewesen wäre, die das Problem der Anbetung der Bilder behandelt hätte“64.
Die oben genannten Karolingischen Bücher enthalten 120 Einwände hinsichtlich des Inhalts der Dekrete des 7. Ökumenischen Konzils von Nizäa und sind in einem unfreundlichen und schroffen Ton verfasst, der Wendungen enthält wie dementiam (Wahnsinn), priscae Gentilitatis obsoletum errorem (den überholten Irrtum des alten Heidentums), argumenta insanissima et absurdissima (höchst unsinnige und absurde Argumente), derisione dignas naenias (des Spottes würdige Albernheiten) usw.65. Der Autor der Bücher merkt unter anderem an: „Ganz zu Beginn unserer Arbeit haben wir versprochen, nichts auszulassen, was wir nicht diskutieren oder verschweigen würden, was auf der Synode (787), die sich mit der Frage der Bilderverehrung befasste, der Verurteilung wert gewesen wäre“66. Dringt man etwas tiefer in den Text der Libri Carolini ein, so erkennt man, dass sich die Position Karls des Großen nicht vollständig mit der Position der in Nizäa (325) und in Konstantinopel (381) versammelten Väter deckt. Im Westen, der von den Franken beherrscht wurde, betrachtete man Ikonen als Biblia pauperum und verstand die Bildertheologie überhaupt nicht. Obwohl Karl der Große über keinerlei theologische Bildung verfügte, betrieb er in seinen Libri Carolini Polemik zum Thema der Bilderverehrung und lehnte aus Gründen der diplomatischen Korrektheit sowohl den Ikonoklasmus ab, der durch die Synode Konstantins V. vertreten wurde, als auch die Position der Bilderverteidiger um Konstantin VI. und Kaiserin Irene. Was das Filioque anbelangt, so ist zu betonen, dass diese Frage in den Karolingischen Büchern zwar nur am Rande behandelt wurde, ihr aber dennoch große Aufmerksamkeit geschenkt wurde. Der grundlegende Vorwurf des Autors der Karolingischen Bücher bestand darin, dass der griechische Ausdruck durch den Sohn zu ungenau sei. Der zweite Einwand beruhte auf der Annahme: „Es ist richtig und üblich zu glauben, dass der Heilige Geist vom Vater und vom Sohn ausgeht; wenn man jedoch den Ausdruck ‚durch den Sohn‘ verwendet, bedeutet dies, dass der Heilige Geist erschaffen sein muss“67. Warum dies? Nun, eine solche Argumentation war das Ergebnis der Lehre der Arianer und Adoptianer in Spanien. Gestützt auf den Text des Johannesevangeliums „Alles ist durch ihn geworden“68, verkündeten die Arianer und Adoptianer, Gott habe Christus, den Mittler, dazu geschaffen, damit dieser die materielle Welt erschaffe. Aus der Denkweise der Griechen würde sich also ergeben, dass auch der Heilige Geist, ebenso wie der Logos, unter die Kategorie der Geschöpfe fallen müsste, da Gott durch ihn geschaffen hat. Um seine Position zu begründen, wandte der Autor der Bücher an dieser Stelle eine komplizierte Analogie an: Wenn der Sohn Gottes aus einem Menschen geboren wurde und nicht durch einen Menschen, wie kann man dann sagen, dass der Heilige Geist vom Vater durch den Sohn ausgeht? Wenn hingegen der karolingische Theologe lehrt, dass der Heilige Geist vom Vater und vom Sohn ausgeht, betont er die Göttlichkeit des Heiligen Geistes und verteidigt dessen Gottheit gegen die vermeintlichen arianisch-adoptianischen Tendenzen der Griechen, insbesondere des Patriarchen von Konstantinopel, Tarasios. „Es ist nicht angemessen – schreibt der Autor der Bücher – im Rahmen unserer Arbeit die Erörterung der Tatsache auszulassen, dass Tarasios in seinem Glaubensbekenntnis lehrt, der Heilige Geist gehe nur vom Vater aus, und nicht vom Vater und vom Sohn, wie die allgemeine Kirche lehrt, sondern vom Vater durch den Sohn“69. So wurde in dieser ungleichen Konfrontation der bekannte Universitätsprofessor und herausragendste Spezialist auf dem Gebiet des Zivil- und Kirchenrechts, der Vorsitzende des VII. Ökumenischen Konzils, Patriarch Tarasios von Konstantinopel, zum direkten Angriffsziel der Franken. Den Karolingischen Büchern zufolge war die Aussage des Tarasios per Filium rechtswidrig, da sie einen nicht autorisierten Zusatz zum Nizäno-Konstantinopolitanischen Glaubensbekenntnis darstellte. Der Autor ist überzeugt, dass das Hervorgehen des Heiligen Geistes durch den Sohn zur Entstehung eines schädlichen Giftes beitragen könne70. Indem er wiederum den Patriarchen Photios angreift, stellt der Autor der Libri Carolini fest, dass „der Heilige Geist, der vom Vater ausgeht, nicht der Hilfe eines anderen bedarf“71. Es ist bemerkenswert, dass der Autor der Karolingischen Bücher gegen das Bekenntnis des Tarasios dasselbe Argument verwendet, das Tarasios und spätere Byzantiner gegen die Lehre des Filioque anwandten. Tarasios betont, dass die Lehre durch den Sohn auch mit der Lehre des Apostolischen Stuhls übereinstimmt. Den Patriarchen gegen die Franken in Schutz nehmend stellt Papst Hadrian I. fest, dass die Lehre vom Ausgang des Heiligen Geistes durch den Sohn keine Privatmeinung des Tarasios ist, sondern von heiligen Vätern wie Athanasius von Alexandrien, Gregor von Nyssa, Hilarius von Poitiers, Basilius dem Großen, Ambrosius von Mailand, Gregor von Nazianz, Cyrill von Alexandrien, Papst Leo dem Großen, Papst Gregor dem Großen und Sophronios von Jerusalem stammt. Die offizielle Aufnahme des Filioque in die Karolingischen Bücher widersprach offensichtlich der evangeliumsgemäßen und konziliaren, also der im Osten und Westen allgemein anerkannten Lehre bezüglich des Ausgangs des Heiligen Geistes vom Vater. Es ist daran zu erinnern, dass der Architekt der Theologie und der biblischen Exegese des Filioque der sel. Augustinus war. Augustinus beteuerte jedoch in seinen Schlussgebeten in De Trinitate, dass er niemals die Absicht gehabt habe, der Kirche seine eigenen theologischen Reflexionen gewaltsam aufzudrängen. Er betrachtete seine Triadologie als Theologumenon und nicht als Dogma. Der sel. Augustinus ist somit nicht für die Hinzufügung des Filioque zum Nizäno-Konstantinopolitanischen Credo verantwortlich. Erst etwas später begann er, sich der Kritik der Mönche aus dem Kloster des hl. Honoratus in Gallien zu widersetzen und der Kirche seine Prädestinationslehre aufzuzwingen72. Wäre Augustinus‘ De Trinitate ins Griechische übersetzt worden, so hätte sich zweifellos ein Ökumenisches Konzil damit befasst, und das Problem wäre durch die Autorität des Konzils gelöst worden. Dennoch ist die Antwort des Photios an die fränkischen Theologen in gewissem Sinne zugleich auch seine Antwort auf die augustinische Triadologie.
Hier sind einige der Unrichtigkeiten, die in den Karolingischen Büchern enthalten sind:
1. Eingangs stellt der Verfasser fest, dass die Synode (nicht das 7. Ökumenische Konzil) in Bithynien stattgefunden habe. Das trifft nicht zu, denn sie fand in Konstantinopel statt.
2. Im ersten Kapitel des ersten Buches werden einige Worte zitiert, die angeblich einem Brief der Kaiserin Irene an ihren Sohn entnommen sind. Diese Worte kommen jedoch in den Beschlüssen des Konzils von Konstantinopel aus dem Jahr 787 nicht vor.
3. Im zweiten Buch (Kapitel XXVII) heißt es: „… So wie der Leib und das Blut des Herrn, die aus den Früchten der Erde hervorgehen, in ein ehrwürdiges Mysterium verwandelt werden, so verhält es sich auch mit den Bildern: Sie werden von der Hand des Schöpfers gemacht und zum Gegenstand der Verehrung der auf ihnen dargestellten Personen“73. Diese Worte erschienen nie in den Beschlüssen des Konzils von Nizäa; ähnliche wurden vielmehr auf der ikonoklastischen Synode von Konstantinopel im Jahr 754 vorgebracht und auf dem Konzil von Nizäa im Jahr 787 kritisiert.
4. Im dritten Buch (Kapitel V) wird gesagt, Tarasios habe in seinem Glaubensbekenntnis erklärt, der Heilige Geist sei der Gefährte des Vaters und des Sohnes. Diese Worte sprach nicht Tarasios, sondern der Patriarch von Jerusalem Theodor (735–770).
5. Es wird betont, das Filioque sei von Anfang an im Nizäno-Konstantinopolitanischen Glaubensbekenntnis enthalten gewesen.

56 Ch. J. Hefele, H. Leclerc, Histoire…, Bd. 3, Teil 1, S. 1062–1079.
57 Ebd., S. 1087.
58 Gregory of Tours, History of the Franks, S. 533.
59 Ch. J. Hefele, H. Leclerc, Histoire…, Bd. 3, Teil 1, S. 1069.
60 Mansi 12, 105–107.
61 Angilbert oder Engelbert, ein lateinischer Dichter aus der Zeit Karls des Großen. Er wurde in Neustrien als Sohn einer adligen Familie geboren und gelangte in jungen Jahren an den Hof Karls des Großen, wo er unter der Anleitung Alkuins ausgebildet wurde. Karl der Große nennt ihn in seinen Briefen Homer; daran wird deutlich, wie sehr seine Dichtung geschätzt wurde. Er achtete ihn so hoch, dass er ihm 783 seinen Sohn Pippin, den König von Italien, anvertraute und ihm angeblich seine Tochter Bertha zur Frau gab. Anscheinend hatte Angilbert vor seiner Heirat zumindest die niederen Weihen empfangen, denn er wird Primicerius Palatii genannt (das heißt erster Hofkaplan). Zugleich war er, entsprechend einem seit Karl Martell am Hof der fränkischen Herrscher geübten Brauch, Abt in Centulae, also in Saint-Riquier in der Picardie, wobei er lediglich die Einkünfte dieser Abtei bezog. Im Jahr 790 zog er sich vollständig vom Hof zurück und ließ sich in seinem Kloster nieder. Mit großzügiger Unterstützung Karls des Großen baute er das Kloster und die Kirche neu auf, schmückte sie mit aus Italien herangeschafftem Marmor, vergrößerte die Klosterbibliothek um 200 Bücher und beschloss sein Leben in Frömmigkeit am 18. Februar 814, dem Tag, an dem seiner gedacht wird. Eine neuzeitliche, auf einer Handschrift der Vatikanischen Bibliothek beruhende Textausgabe: A. Freeman, P. Meyvaert, Opus Caroli regis contra synodum (The work of King Charles against the Synod), Hannover 1998; Ch. J. Hefele, H. Leclerc, Histoire…, Bd. 3, Teil 1, S. 1062–1087.
62 Theodulf von Orléans, Libri Carolini Opus Caroli regis contra synodum, in: B. Pullan, Sources for the History…, S. 26–117. Theodulf von Orléans wurde um 760 in Spanien geboren. Er war gotischer Herkunft und wurde vor 794 Mitglied des königlichen Hofes Karls des Großen, wo er neben Alkuin die bedeutendste und gelehrteste Persönlichkeit war. Um 798 übertrug Karl der Große ihm das Bistum Orléans und mehrere Abteien. In seiner Diözese wirkte er erfolgreich als Reformer sowohl des Klerus als auch der Bevölkerung, wie seine beiden Kapitularien zeigen, von denen eines 46 Kapitel umfasst. Er versuchte, den Text der Vulgata zu vereinheitlichen. Er förderte das Schulwesen und war auch als Mäzen und Kunstliebhaber bekannt. Er war der Verfasser des Liedes „Gloria, laus et honor“ und einer der bedeutendsten Hymnendichter der karolingischen Zeit. Er blieb auch nach dem Tod Karls des Großen im Amt, wurde aber später infolge der Beschuldigung, an einer Verschwörung König Bernhards von Italien beteiligt gewesen zu sein, 818 abgesetzt und nach Angers verbannt, wo er am 18.12.821 starb; http://pl.wikipedia.org/wiki/Teodulf_z_Orleanu.
63 A. Freeman, P. Meyvaert, Opus Caroli regis…, S. 17. Ch. J. Hefele, H. Leclerc, Histoire Des Conciles, Bd. 3, Teil 1, Paris 1909, S. 1068.
64 A. Freeman, P. Meyvaert, Opus Caroli regis…, S. 113.
65 Ebd., S. 88–89.
66 Ebd., S. 119.
67 A. Freeman, P. Meyvaert, Opus Caroli regis…, S. 35.
68 Joh 1,3.
69 E. Amann, L’Epoque carolingienne…, S. 79.
70 Gregory of Tours, History of the Franks, S. 265.
71 A. Freeman, P. Meyvaert, Opus Caroli regis…, S. 34.
72 W. Doroszkiewicz, Geschichte…, S. 108.
73 A. Freeman, P. Meyvaert, Opus Caroli regis…, S. 24.

 

 

Kirche des heiligen Apostels Thomas

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